Karl Stockreiter

Schauplatz Körper

Kommentar zu „Kinder – gibt es die?“ von Ricardo Rodulfo

Es handelt sich um ein in den letzten Jahren zur allgemeinen Norm erhobenes gesellschaftlich anerkanntes Verhalten den Körper in den Rang eines Fetischs zu erheben. Vielleicht wie in keiner Zeit zuvor wenden heute Menschen ein immenses Maß an pflegender Zuwendung für ihren Körper auf, sind so engagiert in ihrer Sorge um den Körper, dem in einer Unzahl eigens dafür geschaffener Institutionen in Form von Verschönerungs- Heil- und Konservierungsprozeduren Aufmerksamkeit zuteil wird. Daß es sich bei diesen Körperfixierungen nicht um einen rein privaten Rückzug handelt, um die Beschränkung auf einen individuellen Lebensstil, verdeutlichen Freizeitforscher, welche von der „kollektive(n) Aufladung des öffentlichen Raums durch den Körper im Mittelpunkt aller sportlichen Aktivität“ sprechen und ein „jugendlich-schrilles Bodydesign“ als „Vitalitätssignal“ gegenüber einer „überalterten Gesellschaft“ propagieren. Auf der anderen Seite nimmt die Zahl der Cutter, die ihren Körper beschädigen, um ein Gefühl der Eigenständigkeit zu bewahren, ständig zu, gewinnen „neue Pathologien“, in denen psychosomatische Bilder eine beherrschende Rolle einnehmen, gegenüber den „klassischen“ Neurosen an Terrain. Kurz gesagt, die Anwendungsgebiete, in denen die psychoanalytische Technik entstand, haben sich verändert, als Herausforderung stehen neue oft um den Körper zentrierte Störungsbilder. Wie greift nun die Psychoanalyse diese Herausforderung auf? Sind wir Psychoanalytiker nicht durch die Gewöhnung an eine sich eingespielte Arbeitsteilung zwischen Medizin und Psychoanalyse vor den Kopf gestoßen, arbeiten durch die Krankenkassaregelung mit einem Diagnoseschlüssel, der dem psychoanalytischen Denken in zunehmenden Maß Hohn spricht und sind gehemmt durch den Siegeszug der Humangenetik mit ihren individuellen und gesellschaftlichen Entlastungsfunktionen? Die Therapieresistenz zahlreicher psychosomatischer Störungen in der psychoanalytischen Kur im Gegensatz zu den körperlichen Symptomen der Konversionshysterie, trägt zur Erschwernis bei, dass der Anspruch, das Körperliche von der Psychoanalyse neu zu denken, eingelöst wird. Dennoch gibt eine Anzahl von Versuchen, welche die Umsetzung des Anspruchs eines mit den Grundlagen der Freudschen Theorie übereinstimmenden Körperkonzepts in Angriff nehmen und zu dem Schluß kommen: „Wenn die Psychoanalyse etwas Neues zu sagen hat, dann über den Körper.“ Ich möchte im Folgenden öfters auf den Autor dieser Kampfansage, Ricardo Rodulfo, und sein Buch „Kinder gibt es die?“ (1996) Bezug nehmen, da es meiner Ansicht nach einen gelungenen Versuch eines psychoanalytischen Denkens des Körperlichen darstellt und ich werde zu diesem Zweck auch das kürzlich erschienene Buch seines Übersetzers Eckart Leiser „Das Schweigen der Seele. Das Sprechen des Körpers“ (2002) zu Rate ziehen, in dem dieser weitere in der deutschsprachigen Rezeption vernachlässigte Autorinnen und Autoren wie Nasio, Aulagnier und Sami-Ali zugänglich macht.
Zunächst lässt sich feststellen, dass die Gemeinsamkeit dieser Theorien, in deren Mittelpunkt die Beziehung zwischen Sprache und Körper steht, in ihrer radikalen Abweichung von einem behavioristischen Modell des Körperverständnisses liegt, das von der Vorstellung eines natürlich gegebenen Körpers ausgeht, welcher von dem Neugeborenen erst nach und nach symbolisiert wird. Nach diesen Theorien wäre die Behauptung irreführend, das Kind hätte von Anfang an seinen Sitz in einem Körper oder es besäße seinen Körper. Es ist nicht sein Körper und am Beginn seines Lebens fehlt ihm noch viel, ihn annehmen zu können. Die Hilflosigkeit durch seine „Vorzeitigkeit“ bringt es mit sich, dass sich der Mensch seinen Körper erst schaffen muß und zwar durch eine Arbeit, welche beim Kind die Form des Spielens annimmt und die nichts anderes als die Psyche selbst ist. Nimmt man den einen grundlegenden Unterschied zwischen dem sichtbaren empirischen Körper und dem Ort, an dem das Kind in der ersten Zeit wirklich lebt als Arbeitshypothese, dann tauchen mehrere Fragen auf. Wo lebt das Neugeborene oder das Kleinkind denn, wenn nicht in seinem biologischen Körper? Wie sieht die Arbeitsanforderung aus, wodurch sich ein Körper in einer stufenförmigen Entwicklung aufbaut, subjektiviert, mit der Welt vermittelt und für das Kind zu einem bewohnbaren Ort wird? Was passiert, wenn der Konstruktionsprozeß gestört wird oder nicht in Gang kommt und der Körper entweder zu einem „unbewohnbaren“ Ort wird wie im Autismus oder zu einem durch Negativität gekennzeichneten wie bei Psychosomatosen?
Wir müssen hier einen Einschub machen. Die Auffassung einer grundlegenden „Verschobenheit“ des Subjekts zu seinem Körper hat seinen Ausgangspunkt in Lacans Konzept des Spiegelstadiums. Dieses hat seine Voraussetzung sowohl in der konstitutionellen Hilflosigkeit des Menschen, da ihm eine von Anfang an auf den eigenen Körper zentrierte Instinktausstattung fehlt als auch in der Differenz zwischen einem im Alter von ca. 9 Monaten relativ fortgeschrittenen visuellen System und der noch fehlenden motorischen Koordination. Das bedeutet, dass sich das Kind selbst im Spiegel erkennen kann, bevor es fähig ist, seine Körperbewegungen zu kontrollieren. Durch die Identifizierung mit seinem Spiegelbild als einheitsstiftende Gestalt, die zu ihm gehört, gewinnt es einen Halt, der es vor der Erfahrung des Auseinanderbrechens durch die fehlende Koordination des Körpers schützt. Diese Gestalt im Spiegel als Materialisierung dessen, was Lacan Idealich nennt und die einen ersten Identitätsentwurf darstellt, ist zugleich ein Produkt der Verkennung, eine „Verheißung narzisstischer Ganzheit“, welche der imaginären Ordnung zugehört. Das Spiegelbild weist aber nicht nur auf das Moment der Idealisierung bei der Aneignung des Körpers hin, sondern auch auf das Moment der Antizipation, die in der Vorwegnahme eines Grads an (muskulärer) Koordination, den das Kind noch nicht erreicht hat, liegt. Das Spiegelstadium hat auch eine wichtige symbolische Dimension. Diese ist in der Figur des Erwachsenen anwesend, von dessen Bestätigung, welche das Kind sucht, die Annahme des Bildes als sein eigenes abhängig ist. Jemand Anderer vermittelt den Zugang zum eigenen Bild. Das Spiegelstadium weist auf ein entscheidendes Moment hin: das Kind sieht sich außen; es nimmt nicht nur seine eigene Gestalt wahr, sondern merkt, dass auch andere seine Gestalt sehen können. Aus der durch die Annahme des Bildes ausgelösten Verwandlung geht auch das Ichideal hervor. Es ist jene „exzentrische“ Perspektive, welche den bildlich-imaginären Zugang des Kindes zu (seinem) Körper festlegt. Dieses außerhalb des Körpers stehende Ichideal ist jene Subjektinstanz, von der aus dann das stattfindet, was Lacan die „orthopädische“ Konstruktion des Körpers nennt. Es ist jener Ort des Symbolischen, dessen Medium die Sprache ist, von dem aus dem Körper seine Körperlichkeit zugesprochen wird und sich dieser umgekehrt seine Körperlichkeit aneignet (s. Leiser 2002, 26).
Es ist nun von entscheidender Bedeutung, ob der Andere als Ort der Signifikanten dem Kind für die Subjektivierung assimilierbare Signifikanten zur Verfügung stellt – wie das durch das antizipatorische Moment des Ichideals im Spiegelstadium zutrifft – oder nicht. Im ersten Fall spricht Rodulfo von Subjekt-Signifikanten; im anderen nennt er sie Überich-Signifikanten, durch die der Bau des Körpers und seiner Organe am Subjekt vorbeigeht. Vorläufig lässt sich festhalten, dass ein Körper überhaupt nur konstruierbar ist, wie entsprechende Signifikanten zur Verfügung stehen. (s. Leiser 2002, 29). Was hier zunächst vielleicht verwunderlich klingt, verliert in einem Vergleich zum Problem der Mimesis in der Kunst seine Auffälligkeit. Versucht ein Maler die Natur objektiv wiederzugeben, so steht er im Bann des Stils. Er muss sich eines Vokabulars bedienen, eines Formenschatzes, wenn er daran geht, die Wirklichkeit nachzuahmen, denn er kann ja nicht „das, was er vor sich sieht, einfach ‚abschreiben’. Er kann es nur in seine technisch bedingten Gegebenheiten ‚übersetzen’. Er ist streng an den Bereich der Töne gebunden, die ihm seine jeweilige Technik zur Verfügung stellt“ (Gombrich, 1986, 55). Und so wie sich der Maler auf einen Formenschatz stützen muss, greift auch das Kind im günstigen Fall für den Bau seines Körpers auf einen Schatz an Signifikanten zurück, dem es das dafür benötigte Material entnimmt.


Der imaginäre Körper und der Familienmythos

Ausgehend von der „Verschobenheit“ des Subjekts vom Körper geht Rodulfo daran, die Entwicklung des Subjekts vor dem Spiegelstadium zu rekonstruieren und kann für dieses Vorgehen auf Doltos Unterscheidung zwischen Körperbild und Körperschema zurückgreifen. Während das Körperschema den aktuellen Körper im Raum auf die unmittelbare Erfahrung bezieht, den Körper in seiner organischen Vitalität konstituiert und Ort des Bedürfnisses ist, bezieht das stets unbewusste Körperbild das Subjekt auf seine Lust und kann somit als unbewusste symbolische Verkörperung des begehrenden Subjekts verstanden werden. „Wenn das Körperschema im Prinzip für alle Individuen der Gattung Mensch das gleiche ist, so ist das Körperbild jedem einzelnen eigen: es ist an das Subjekt und seine Geschichte gebunden, es ist die strukturierende Spur der emotionalen Geschichte eines Menschen.“ (Dolto 1987, 20). Libidinös aufgeladen hat es nichts mit einem anatomisch-biologisch vorgegeben Körper zu tun. Das Körperbild ist ein Bild möglicher Kommunikation in der Phantasie, in dem sich die Erfahrungen der Beziehungen des Begehrens eintragen – und bezogen auf die Triebe – ist es der Ort ihrer Repräsentation. (s. Dolto 1987, 34). Nur indem es sich mit dem Körperschema kreuzt, kann sich das Körperbild mitteilen und nur über die Vermittlung des aktuellen Körperbildes, das seiner Wahrnehmung der Welt entspricht, können wiederum wir mit einem kleinen Kind in Kontakt treten. Wir haben es demnach mit einer Sprache zu tun, und zwar mit einer Sprache, die erst „nach der Erlangung der vollständigen Autonomie und vor allem nach der ödipalen Kastration eine Sprache im Namen des Kindes wird“. (Dolto 1987, 222). Und in der Zeit zuvor? Da ist das Körperbild an einen imaginären Körper gebunden, wobei es sich um den Körper der ersten Bezugsperson des Kindes, in der Regel der Mutter, handelt, welche die Bedingungen und Formen bereithält, mittels derer die Aneignung des Körpers durch ein Subjekt schon vor dem Spiegelstadium in Gang kommen kann. Dieser imaginäre Körper als erster Ort in einer symbolischen Welt, der für ein Kind vorbereit wird, damit es leben kann, ist auch jener Ort, an dem das Kind Materialien gleich seine Signifikanten sucht, um seinen Körper Festigkeit und Einheitlichkeit zu verleihen.
Für unsere Fragestellungen ist es entscheidend, dass unter bestimmten Bedingungen ein Kind gewisse Bestandteile des Körperbildes, welche sein Begehren mit seinem Körper verbinden, verlieren kann, und es in Folge davon zu einer Dissoziation von Körperbild und Subjekt kommt, die Auswirkungen auf das Körperschema haben. Ich möchte das anhand eines Falls, den Dolto berichtet, illustrieren:
Léon, ein Bub von acht Jahren wurde der Analytikerin von seiner Mutter während der Kriegsjahre vorgestellt, nachdem ihr dazu von der Schule und vom Arzt geraten worden war, der nach mehreren Untersuchungen keinen neurologischen Grund für sein sonderbares Verhalten gefunden hatte. Léon hat einen sehr eigentümlichen Gang. Er scheint sich nicht tragen zu können. Immer wenn er geht, stützt er sich an Möbeln oder der Wand ab, auf der Straße an einen Erwachsenen oder Schulkameraden, ein wenig so, wie es ein Baby tut, das beginnt, sich aufrecht zu halten und das ohne helfende Stütze noch keinen Raum durchqueren kann. Die einzige Ausnahme besteht in Besuchen bei einem Klavierlehrer. Wenn dieser ihn während er spielt unter den Achseln festhält, entwickeln die Finger des Kindes eine bemerkenswerte virtuose Beweglichkeit. Auf die Frage Doltos über die Anfänge von Léons Motorik antwortet die Mutter: Sie habe ihn, sobald er sitzen konnte, an einem Stuhl festgebunden. Er sei darin während Stunden und sogar halbe Tage lang brav geblieben, auf der Höhe des Arbeitstisches der Eltern, welche in einem Konfektionsatelier eines Familienbetriebes Näharbeiten ausführten. Wenn er seine Bedürfnisse erledigen musste, habe man den Jungen losgebunden, einen Deckel weggenommen, und der Stuhl sei zum Topf geworden, was für ihn, der erst so spät zu gehen begann, sehr praktisch gewesen sei. Und sie fügt hinzu: „Er ist nicht von uns weggelaufen, hat uns nie gestört.“ (Dolto 1987, 262). Als aufschlussreich für das Verständnis dafür, auf welche Weise ein zerstückeltes Körperbild am Ursprung einer Beschädigung des Körperschemas steht, ist eine Sitzung, die zu einem Umschwung in der Behandlung führt. Léon hat aus Spielmaterial einen Stuhl modelliert und ein Männchen, welches er auf diesen setzt, indem er dessen Rücken sehr heftig gegen die Rückenlehne drückt. „Was denkt er, dieser kleine Mann?“ Keine Antwort. „Ist er ein Freund des Stuhles?“ Keine Antwort. „Ist der Stuhl zufrieden?“ - Oh, ja“, sagt Léon schnell mit einem Ausdruck von Überzeugung. Und er fügt bei: „er ist zufriedener als das Männchen.“ Dolto schaut ihn fragend an. „Nun ja, wenn es wegginge, würde er den Rücken des Männchen behalten, und dieses hätte keinen Rücken mehr.“ Er lächelte sarkastisch. (Dolto 1987, 268).
In diesem Bericht werden die Störungen deutlich, die ein unzusammenhängendes Körperbild in einem Körperschema, dem Rücken und Gesäß fehlt, auslöst, indem die dennoch intakt gebliebenen neuro-muskulären Möglichkeiten empfindlich gehemmt wurden. Sein Körperbild verbot ihm zweifellos die Beweglichkeit seines Körpers. Sein Körperschema war durch ein Körperbild für ungültig erklärt worden, in dem er, um für seine Mutter bedeutsam zu sein, akzeptieren musste, ihr erotisches Partialobjekt darzustellen, das heißt, seine Zerstückelung auf sich nehmen mußte, „wobei die Stücke durch einen äußeren oral raubenden Sitz zusammengehalten wurden.“ (Dolto 1987, 278). In die Begriffe Rodulfos, die wir zuvor eingeführt haben, übersetzt, bedeutet dies: die Synchronisierung von Körperbild und Körperschema kann nur gelingen, wenn das Kind ausreichend Signifikanten findet, die es repräsentieren können. Diese als Subjektsignifikanten wirksam, verschaffen dem Kind einen eigenen Körper. Im Falle Léons misslang die Aneignung des Körpers, da er als Partialobjekt der Mutter dem imaginären Körper keine Subjektsignifikanten entnehmen konnte, die ihn als unbewusstes Subjekt hätten darstellen können. Léon war ein unter der Metonymie stehendes Kind, für das die Kontinuität mit der Mutter (fast) alles war. Keine Differenz, keine Diskontinuität brach auf. Damit das aus dem imaginären Körper herausgebrochene Material als Subjektsignifikant arbeiten kann, muss ein qualitativer Sprung seine Wirkung tun, der das Kind unter eine Metapher stellt, die ein Potential an Bedeutungen in sich trägt. Ein Vorgang, der – nebenbei gesagt – an eine der primären Traumfunktionen, nämlich erst einmal einen Raum herzustellen, in dem die Traumarbeit ansetzen kann, erinnert oder an Bions Vorstellungen über Alpha-Funktion und Kontaktschranke. Es ist in der Tat kein leichtes Problem für die Mutter oder besser für beide Eltern, die spezifische Differenz zu symbolisieren, die ihrem Kind als einem unverwechselbaren Wesen zukommt. Die Frage, wie eine Familie den Unterschied aufnimmt, die ein Kind ständig ins Spiel bringt, kann als Gradmesser für unterschiedliche pathologische Formationen entscheidend sein. So werden in einer neuroseerzeugenden Familie die spontanen Produktionen des Kindes entweder angenommen oder zurückgewiesen werden, aber immer von einem ursprünglichen Akzeptieren ausgehend, von dem aus „etwas Verschiedenes zur Sprache gebracht wird, das man gutheißen darf oder nicht“. Das ist eine grundlegend andere Verfahrensweise als das Verbannen, das „Nicht Notiz nehmen“ von Abweichendem, das Verwerfen seiner bloßen Existenz, statt diese zu bewerten. (Rodulfo 1996, 121). Die Folge davon ist das Fehlen des diskontinuierlichen Moments, die das Subjekt im Wunsch des Anderen erstarren lässt, wie im Falle Léons oder eines meiner Analysanden, der, sobald er eine Differenz setzte, mit den Worten zurechtgewiesen wurde, er sei „die Made im Speck der Familie“ oder wie im Fall einer Analysandin, die an Morbus Crohn litt, wo jeder Ansatz zu einem distanzschaffenden Sprung mit dem Satz der Mutter: „Du bist mein Augapfel“ zusammenstieß und im Sinne einer Verlängerung des Körpers der Mutter, beseitigt wurde.

Mit der Erwähnung der Familie und einer in ihr vorherrschenden Diskursform, die im ungünstigsten Fall das jeglichen Bruch verleugnende Milieu für ein psychotisches Potential bereitstellt, kommt ein weiteres Merkmal des Signifikanten zum Zug. Der Signifikant erkennt kein Privateigentum an, gehört keiner Person an, sondern er überschreitet das Individuelle und durchquert die Generationen. Wenn sich das Neugeborene aus dem imaginären Körper, den der Andere als erste Bezugsperson zur Verfügung stellt, Material der Signifikanten wie aus einer Lagerstätte bricht, um sich selbst darzustellen, dann schöpft es zugleich aus der Vorgeschichte eines Familiendiskurses, der mehrere Generationen umfassen kann und in der Art und Weise, wie man ein Kind erzieht und nicht in Form manifester Erzählungen zum Ausdruck kommt. Dieses Kriterium des Signifikanten begründet nach Rodulfo den Familienmythos, der anfänglich mit dem Körper der Mutter, den er durchdringt, zusammenfällt. Man kann den Familienmythos als ein Archiv auffassen, das einen weiteren Aspekt des Anderen darstellt und die für die Entstehung des Subjekts unentbehrlichen Signifikanten in Form einer als Netz geknüpften Vorgeschichte anbietet. Es kann aber auch sein, dass zerstörte Zonen des Familiendiskurses, Zonen, die dem Schweigen und dem Nichtsinn verfallen sind, den Familienmythos determinieren und im ungünstigen Fall der Grund sind, dass der Körper am Subjekt „vorbei gebaut“ wird. Der Familienmythos kann zum Reichtum an möglichen Subjektsignifkanten im imaginären Körpers beitragen oder umgekehrt – wie es sich übrigens im Fall Léon erwies – einen entsubjektivierenden Effekt besitzen. Das trifft zu, wenn das Subjekt keine geeigneten Bedingungen für die Produktion von Signifikanten vorfindet, die es darstellen könnten und an deren Stelle dann, und zwar in erdrückender Weise, Überich-Signifikanten treten. Diese haben nichts mit dem Begriff des Überichs gemein, das in Verbindung mit der Lösung des Ödipuskomplexes steht, sondern beziehen sich auf jene Dimension, welche die Psychoanalyse durch die Erforschung der „negativen therapeutischen Reaktion“ und des Masochismus aufgedeckt hat. In der Gestalt vernichtender Befehle, welche das Subjekt vollständig unter ihr Kommando und seine Wunschproduktion zum Stillstand bringen können, wird das Wirken des Todestriebs vernehmbar. Für Lacan ist das Überich eine „obszöne, grausame Gestalt“, die einem neurotischen Subjekt eine „sinnlose, zerstörerische, unterdrückende, fast immer mit dem Gesetz in Widerspruch stehende Moral“ aufzwingt. (Evans 2002, 316). Den blinden, tyrannischen Charakter der Überich-Signifikanten demonstriert Rodulfo am Beispiel Lucianos. Die Eltern ersehnten sich ein Mädchen, an dessen Stelle kam Lucia-no. Seine Namensgebung fand mit einem Begriff statt, der ihn verneint, indem sie ihm sagt, dass er der Nichterwartete, der Nichterwünschte war. Ähnlich der Situation des vorher erwähnten Analysanden, dem seine Eltern einen orientalischen Namen verliehen, der für den Wunsch stand, nicht einen Sohn, sondern sich einen Vater zu erzeugen. Beide Male ist der Name kein Signifikant, der ihnen zum Leben dienen kann; denn er repräsentiert nicht sie, sondern eine feindliche gegen sie gerichtete Elterninstanz (Rodulfo 1996, 50). #1
Was als Überich-Signifikant wirksam wird, kann entweder von Anfang an das Subjekt unter das Regime des Überichs, das dem „Wunsch des Anderen zu Diensten“ ist, stellen, es kann sich aber auch um einen Signifikanten handeln, der zu einem gegebenen Moment das Subjekt repräsentiert hat und erst später zur entgegengesetzten Position „mutierte“ und als Überich-Signifikant zu arbeiten begann. Erinnern wir uns an die Unterscheidung zwischen Zeichen und Signifikant. Während das Zeichen eine festgelegte Bedeutung hat, zum Beispiel Rauch als Hinweis auf ein wirkliches Feuer, liegt es in der differentiellen Natur der Signifikanten, dass sie niemals eine fixierte Bedeutung haben können: das heißt, in einer aus Rauchsignalen entwickelten Sprache mit der Botschaften vermittelt werden, verweist Rauch nicht auf Feuer, sondern auf eine bestimmte Taktfolge von Rauch, durch die der Effekt der Bedeutungsgebung entsteht (Rodulfo 1996, 43f.).
Ich möchte diese einschneidende Verwandlung von einem mit der Suche nach Anerkennung und dem Wunschgeschehen des Subjekts in Verbindung stehenden Signikanten zu einem erdrückenden Überich-Signifikanten an der Geschichte von Herrn S., der wegen phobischer Zustände in meine Praxis kam, illustrieren. Immer wenn er einen Versuch machte, sich dem anderen Geschlecht zu nähern, musste er sich in einem langwierigen Vorgang vor einem Spiegel davon überzeugen, dass sein Äußeres ohne Tadel sei, seine Schönheit makellos, wobei vor allem die Perfektion seiner Frisur besonderes Gewicht hatte. Dies führte in seltenen Augenblicken zu einer surrealistisch anmutenden Szene, in der er imaginierte, nur seine Frisur und nicht seine übrige Erscheinung als Spiegelbild wahrzunehmen. Er war durch sein gutes Äußeres markiert, festgelegt vor dem Spiegel. Der Signifikant, in dessen Bann er (schon von früh an) stand, war der Satz der Mutter: „Was für ein schöner Bub Du bist!“. Später zur Zeit der Pubertät wird der Vater in die selbe Kerbe schlagen und mit ihm mit den Worten vor den Spiegel treten: „Sieh Dich an, die Mädchen müssen Gefallen an Dir finden!“. Beide Eltern verglichen ihn mit Filmstars ohne zu vergessen, jedes Mal hinzuzufügen, dass er wegen seiner (angeborenen) Hörbehinderung keiner werden könne. Seine sozialen Erfolge, die Bewunderung der Frauen eröffneten ihm keinen Raum, sich seinen Körper libidinös anzueignen. Er blieb an den Körper der Mutter wie angeheftet und opferte seinen Körper und seine Existenz als Subjekt des Begehrens. Er musste seinen Körper so fabrizieren, dass er, sein Begehren verzerrend, dem Anderen, der Mutter, gefällt. In den Momenten, in denen er versucht, sich mittels eines männlichen Körpers darzustellen, überfällt ihn die Angst und er rettet sich, indem er sich mit einer phallischen Frau identifiziert, wie im Traum von der Mumie, die einen Mann vergewaltigt; (mummy steht hier in seiner doppelten Bedeutung als Mama und Mumie – seine Mutter kam ursprünglich aus England). Das „Schönsein“ lastete auf ihm, effeminisierte ihn. In diesem Adjektiv zeigte sich der unberechenbare Effekt der Bedeutungszuschreibung durch die signifikante Arbeit, die in einer Reihe unbewusster Transformationen bestand. Das „Schönsein“ wirkte nicht, weil es eine unbewusste Kette von Bedeutungen generierte, wie zum Beispiel „wie zurückgeblieben Du bist“ oder „wie behindert Du bist“. Er war auf den Status eines Standbildes festgelegt. Es herrschte die Instanz des „Idealichs“, die wir aus dem Spiegelstadium kennen, vor, ohne jedoch von dem Projekt des Ichideals verwandelt werden zu können, das einen Raum für eine Arbeit mit der Perspektive auf die Zukunft geöffnet hätte. Anstelle einer Formulierung wie „heute nicht, morgen wirst Du sein“, in die eine Ichideal eingeschrieben ist und die als Subjektsignifikant dienen kann, ist im vorliegenden Fall bereits alles passiert; ein nicht mehr umformbares Idealich ist festgelegt, welches das Subjekt nicht repräsentiert und in der Zeitstruktur einer reinen Gegenwart gefangen hält. Im Verlauf der Therapie bemerkte er allmählich, wie sehr ihm der Überich-Signifikant „Schönsein“, in dessen Bann er stand, schadete und es begann eine Phase der Gehorsamsverweigerung, die mit dem Motto „Rauchen fördert Ihre Gesundheit“ bezeichnet werden kann, in der er mit seiner Frisur experimentierte und sein Äußeres vernachlässigte. So gelang es ihm mit der Zeit anstelle des Satzes „Wie schön Du bist“, der den Charakter eines Befehls angenommen hatte, Subjektsignifikanten zu finden und die Anpassung an den Wunsch des Anderen zu durchbrechen.
Halten wird fest, dass hier ein Signifikant, ehe sich der Kontext änderte und er seine destruktive Wirkung als Überich-Signifikant entfaltete, geeignet war, seinem Träger für dessen libidinöse Verwirklichung dienlich zu sein. Zu einem frühen Zeitpunkt der Entwicklung war der Satz „wie schön Du bist“ als Bewunderung bedeutsam, konnte das Subjekt darstellen und zur Konstruktion eines eigenen Körpers anregen. In der Funktion, die Rodulfo Phallisierung nennt, ist er eine Voraussetzung, damit das Begehren im imaginären Körper zu zirkulieren beginnt. Erst durch die Phallisierung wird das Kind mit einem libidinösen Vorrat ausgestattet, der es ihm ermöglicht, zu einem erogenen Körper zu kommen und die Realität eigener Wünsche formulieren zu können. Scheitert die Phallisierung, dann gibt es nichts, woraus ein Körper gemacht werden kann und die für ein autoerotisches Erleben nötige libidinöse Übertragung vom Anderen auf das Kind, jene „narzisstische Gutschrift“, findet nicht statt. Den leeren Platz füllen Überich-Signifikanten, die von Anfang an das Begehren des Subjekts zum Schweigen bringen. Nur indem er sich nicht umformen lässt (mit anderen Worten wie bei Léon keine symbolische Kastration stattfindet), wandert der Signifikant von einem Subjekt-Signifikanten in die entgegengesetzte Position, die Wunschproduktion kommt zum Stillstand und das Wirken des Todestriebs nimmt überhand. #2
Der Preis für den Gehorsam gegenüber dem Wunsch des Anderen in der Pose des Überichs ist der Verlust an Libido. Jeder Subjektsignifikant, der wie im Fall von Herrn R. umkippt und als Überich-Signifikant zu arbeiten beginnt, wirkt entlibidinisierend. Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Vorgänge auch eine kulturelle Dimension besitzen. Die Phänomene des gegenwärtigen Körperkults, die ich eingangs erwähnt habe, zielen weder auf einen asketischen noch einen hedonistischen Körper, sondern auf einen Körper, der sich unter der Herrschaft eines gesellschaftlich sanktionierten Überich-Signifikanten von seinem Begehren getrennt hat. Die Körper sollen sich nicht subjektivieren, sondern so gebildet werden, dass sie am Ort des Wunsches des Anderen (der Medien, der Ökonomie, etc.) Anerkennung finden, indem sie als dessen Spiegel dienen. Eine Kultur, in der nicht die Verkennung der Lust, sondern deren Preisgabe im Mittelpunkt steht, ist nicht mehr narzisstisch, sondern kann mit einem Ausdruck Perniolas spekularistisch genannt werden. Wenn – wie der italienische Philosoph schreibt - für Narziß die Welt ein Spiegel wird, in dem er sich selbst betrachtet, so ist die gegenwärtige (kollektive) Erfahrung dadurch geprägt, dass die Subjekte zum Spiegel werden, in dem sich die Welt betrachtet. Spekularistisch ist eine Kultur, wenn sie nicht wie beispielsweise in der Mode zur Imitation oder sozialer Anpassung auffordert, sondern wenn sie die Metamorphose des Körpers zum Spiegel des Anderen erzwingt. Es ist so, als wäre die Erfahrung des Körpers außerhalb der Subjekte lokalisiert, in dem, was sie widerspiegeln. (s. Perniola 1991, 11, 87). #3


Die Topographie der Körperkonstruktion

Versuchen wir ein kurzes vorläufiges Resümee. Wir können festhalten, dass sich das Subjekt keinen Körper aneignen kann, wenn in dessen Konstruktionsprozeß Überich-Signifikanten überhand nehmen. Warum aber die Dominanz von Überich-Signifikanten sich einmal in der Gestalt einer chronischen Neurose manifestiert, ein anderes mal in Form einer Psychose oder einer lebensbedrohenden psychosomatischen Störung, die Frage der Krankheitswahl also, bleibt rätselhaft. Um eine Antwort wagen zu können oder auch die Frage unbeantwortet im Raum stehen zu lassen, sollen zuvor die verschiedenen topologischen Stufen, welche in der frühkindlichen Körperkonstruktion durchlaufen werden und die Rodulfo in seinem Buch detailliert beschreibt, in einer groben Skizze zusammengefasst werden.
Für Rodulfo sind die einzelnen Stufen im Aufbau eines (libidinösen) Körpers das Ergebnis einer jeweils spezifischen Form des Spielens. Dem Spielen des Kindes kommt, unvereinbar mit der Vorstellung des Neugeborenen als passives Wesen, eine strukturbildende Funktion zu. Daher lassen sich aus der jeweiligen Beschaffenheit des Spielens Rückschlüsse auf das gegebene topologische Niveau der Körperkonstruktion ziehen, wodurch dem Spielen als strukturbildende Praxis eine erhebliche Bedeutung als diagnostisches Kriterium zugemessen wird. Über das Spielen vermittelt, schenkt sich das Kleine in den ersten Lebensmonaten selbst einen Körper, indem es dem imaginären Körper, den der Andere in seiner Stützfunktion zur Verfügung stellt, zu dessen Bau Signifikanten entnimmt. Das strukturelle Grundmuster der ersten topologischen Stufe fasst der Autor unter dem Stichwort zusammen: „Oberflächen machen – Löcher machen“. Es geht darum, Löcher zu bohren, Material herauszubrechen, um daraus ununterbrochene Schichten und Bänder zu bauen, oder – spezifischer auf die Körperkonstruktion bezogen – um eine erste hautähnliche Struktur zu bilden. (Rodulfo 1996, 159). Als dafür paradigmatisch kann der Stillvorgang gelten. Das Neugeborene fördert mit dem Mund Material zutage, um Klebeschichten herzustellen, die einem ersten Darstellungsmodus des Körpers entsprechen. Um als Modell für diese frühe Erfahrungsebene zu dienen, ist die Arbeitsweise der zeitgenössischen Malerei besser geeignet, als die anatomische Einheit des Körpers. Die durch das Spielen des Kindes entstandenen bandförmigen Oberflächen sind nach der Art der Collagen aufgebaut und schließen menschliche und nicht-menschliche Komponenten ein; körperlich assimilierbare Substanzen wie Milch, Brei, Rotz, aber auch die mit Blicken entnommenen Körperteile der Mutter können hier mühelos mit körperfremden Elementen wie Stoffe, Papier oder Knöpfen zusammengeklebt werden. Das Ergebnis dieser mit Hilfe der kindlichen Umgebung hergestellten Oberflächen ist die Existenz eines verlässlichen Kontinuums mit der Welt. Vorausgesetzt ist das Einrichten von Löchern, um sich die nötigen Signifikanten (aus dem Familienmythos) zu holen; Löcher, die keinen Mangel darstellen, sondern libidinöse Organe eines phantasmatischen Körpers, deren Aufgabe es schließlich ist, als erogene Zonen zu funktionieren. (Rodulfo 1996, 136)#4. Gelingt dies, dann stellt die verlässliche Hülle ohne Innen und Außen und ohne Volumen das erste Modell eines Körpers dar, der für das Subjekt in seiner frühesten Entwicklung ein bewohnbarer Ort ist.
Ist diese strukturale Basis gegeben, kann sich ein weiterer Typus des Spielens entwickeln, aus dem die zweite topologische Stufe der Körperkonstruktion hervorgeht. Es ist ein Spielen, das um das Verhältnis von Behälter und Inhalt kreist, sich aber noch auf einer Ebene bewegt, wo die beiden Seiten der Beziehung noch nicht festgelegt, sondern umkehrbar sind. Die Besonderheit dieser Entwicklungsphase, die mit dem „Raum der wechselseitigen Einschließungen“ von Sami-Ali zusammenfällt, kann an den Spielaktivitäten ungefähr ab dem 6. Monat abgelesen werden; wenn zum Beispiel das Kind eine Geldbörse aus der Handtasche zieht und anschließend versucht, die Handtasche in die Geldbörse zu stecken. Wir haben es hier nach wie vor mit einem zweidimensionalen Raum zu tun, in dem Sinne, dass es keine Dichte gibt und kein „Außen“ und die Beziehung zwischen klein und groß, die wir später antreffen werden, noch nicht in der Form aufgestellt ist. (Rodulfo 1996, 166). Zu diesem Zeitpunkt kann noch nicht davon die Rede sein, dass der Körper der Mutter einen Behälter darstellt, der das Kind als Inhalt umschließt, denn die „sowohl räumliche als auch zeitliche Umkehrbarkeit der Beziehungen zwischen Körper und Inhalt, die durch die Ambiguität und nicht den Gegensatz zusammengehalten“ werden, macht Vorstellungen möglich, zu denen das Einverleiben des Körpers der Mutter durch das Kind, das seinerseits in diesem eingeschlossen lebt, gehört und die im Phantasma des Aufgefressenwerdens der klinischen Erfahrung zugänglich werden können. (Rodulfo 1996, 167). Es handelt sich hier um Gesetzmäßigkeiten, einer „frühen, radikal unbewussten Funktionsweise, die vor der unterschiedsbildenden Ablösung vom Körper des ursprünglich Anderen“ liegen. (Rodulfo 1996, 168).
Nach erfolgreichen Aufbau dieser zweiten topologischen Stufe verfügt das kindliche Subjekt über eine Körperstruktur, die durch eine zusammenhängende Oberfläche gekennzeichnet ist und eine zweidimensionale Räumlichkeit besitzt, die weder innen noch außen kennt und durch eine jederzeit kippende Beziehung der Art Behälter/Inhalt charakterisiert wird. Danach kommt ca. ab dem 9. Monat ein anderer, dramatischerer Akt des Spielens auf, der Indiz für das Erarbeiten von etwas „einschneidend“ Neuem ist. Es ist ein Spielen, das explizit den Anderen mit einbezieht und um dessen Sichverstecken oder das eigene Sichverbergen zentriert ist. Ein bisher angstauslösendes Verschwinden, nämlich das Weggehen des Anderen, wird unversehens zu einem lustbestimmten Geschehen. „Es sind diese flüchtigen Augenblicke, Szenen, die faktisch nur Sekunden dauern, wenn das Kleine sich mit seinem eigenen Blick abwendet (...). Es entwischt und taucht wieder auf mit dem doppelten Genuß des Versteckens und der Wiederbegegnung. Es handelt sich hier um ein wirkliches Phänomen des Abstillens, findet doch hier eine fundamentale Trennung Ich/Nichtich statt, eine symbolische Aufteilung, eine grundlegende Spaltung, von der all die imaginären Vervielfältigungen um das ‚Außen’ und ‚Innen’ ausgehen.“ (Rodulfo 1996, 188). In dieser Phase, in die auch das Spiegelstadium fällt und das von Freud beschriebene Fort-da-Spiel mit der Fadenspule, wird die Kategorie abwesend/anwesend als körperliche Erfahrung aufgebaut, und diese Kategorie ist im weiteren entscheidende Voraussetzung für die Bewältigung von Trennungsvorgängen und für deren Symbolisierung (s. Leiser 2002, 165). Die Unterscheidung von „Außen“ und „Innen“ manifestiert sich auf sprachlicher Ebene in der Entdeckung des Lügens und des Verneinens als Formen der Verweigerung und der Abgrenzung. Dynamisch gesehen ist das Wegwerfen im Fort-da-Spiel der Akt, in dem sich der dreidimensionale Raum konstituiert. Wenn das Kind die Fadenspule (oder einen anderen Gegenstand) wegwirft, bringt es einen Raum hervor, den es vorher nicht gab und dieses Fabrizieren des „Außen“ schafft einen Raum, der bereits entschieden außerhalb des Körpers des Anderen liegt und die Möglichkeit bietet, aus dem „Raum der wechselseitigen Einschließungen“ herauszutreten. Nach dem Ende der dritten topologischen Stufe verfügt das Kind als Ergebnis eines dramatischen Konstruktionsprozesses über ein Körpermodell vom Typ Behälter-Inhalt, der ein Innen gegen ein Außen, welches die Struktur des dreidimensionalen Raumes besitzt, abschirmt und das Kind in die Lage versetzt, Bilder herzustellen, die das bisher gefährliche Verschwinden des Anderen zu etwas Vorstellbaren machen (s. Leiser 2002, 166).
Kommt es zu Beeinträchtigungen in diesen Strukturierungsprozessen, entweder weil das Kind keine Gelegenheit hatte, zusammenhängende Oberflächen zu bilden und anstatt Löcher zu bohren, selbst die Erfahrung der Durchlöcherung machen musste oder da eine vorzeitig erzwungene Unterscheidung zwischen Ich und Nichtich stattfand, dann findet das Kind keinen Ort, der für es bewohnbar ist, keine symbolische und libidinöse Position, in der es sich als Subjekt schaffen kann, es hat keinen eigenen Körper oder einen, der sich vom Körper des Anderen nur unvollständig abgelöst hat. (Rodulfo 1996, 134f., 176). Wenn es zu Brüchen in der frühen Phase der Oberflächenbildung kommt oder die fundamentale Unterscheidung Ich/Nichtich zu früh eintrat, ehe die Kategorie anwesend/abwesend spielerisch aufgebaut werden konnte, dann kann das Geschehen der Trennung nicht symbolisiert werden und bleibt ein Synonym für die Zerstörung oder des Verschwindens des eigenen Körpers. (Rodulfo 1996, 189; Leiser 2002, 165). Die Konsequenz davon ist, dass die Operation des Fort-da-Spiels gestört ist und sich eine räumliche Dimension außerhalb des Körpers des Anderen nicht entfalten kann, sodaß das Kind an diesen „angeklebt“ bleibt und auch „alle möglichen pathologischen Folgeerscheinungen ebenfalls ans Körperliche geheftet bleiben, in einem Status wo sie sich in ihrer Konkretheit verdinglichen“. (Rodulfo 1996, 209). #5
Jene Pathologien, welche die Körperbildung vor Vollendung des Spiegelstadiums betreffen und sich nicht in autistischen oder psychotischen Krankheitsbildern äußern, bringt ein anderer argentinischer Analytiker, Nasio, in seinem Buch „Schreie des Körpers“ (1996) mit dem Begriff der lokalen Verwerfung in Verbindung. Das psychosomatische Bild ist für Nasio eine Antwort auf eine Erfahrung, die innerhalb der Struktur der psychischen Realität – er nennt sie effektive Realität – mit ihren imaginären und symbolischen Darstellungsmöglichkeiten nicht assimilierbar ist und auf ein verlorenes Objekt verweist. Um ein solches „verlorene“ oder „verworfene“ Objekt, baut sich das auf, was Nasio eine lokale Realität nennt, ein spezifischer nicht-imaginärer und nicht-symbolischer Darstellungsmodus von Erfahrung, der an etwas Reales, aus der effektiven Realität des Subjekts Ausgeschlossenes, gebunden ist. (s. Leiser 2002, 90-103). „Organverletzungen“ setzen den Aufbau einer „lokalen Realität“ in Gang, wobei das verletzte Organ die Vertretung des verworfenen Objekts übernimmt. Was ist nun das Besondere an Verwerfungen, die zu Organverletzungen führen? Für Nasio liegt es in ihrem lokalen Charakter. Während die globale Verwerfung die halluzinatorischen Produktionen der Psychose hervorbringt, hat die lokale Verwerfung phantasmatischen, nicht delirierenden Charakter, die symbolischen Register funktionieren weiterhin und der Bezug zur Realität ist nicht gefährdet.
Mit seiner Bestimmung der „lokalen Verwerfung“ als eine für psychosomatische Krankheitsbilder spezifischen Abwehrform traumatischer Erfahrungen, rückt Nasio die Psychosomatosen in die Nähe von Psychosen. Meine Eindrücke durch die schon erwähnte Analysandin mit Morbus Crohn haben mich auf den Gedanken gebracht, dass, zumindest in gewissen Fällen, die psychosomatischen Phänomene ein erhebliches restauratives Potential besitzen, das unvergleichbar höher einzuschätzen ist als die letztlich vergeblichen Versuche der Selbstbehauptung durch den Wahn. Mit anderen Worten: Lassen sich Organverletzungen nicht auch noch aus einer anderen, zusätzlichen Perspektive betrachten, die diese nicht nur als Fehler im frühen Konstruktionsprozeß des Körpers betrachten? Auf unsere Frage nach der Krankheitswahl zurückkommend: Tritt deren Bedeutung nicht gegenüber der Frage in den Hintergrund, ob es bei psychosomatischen Bildern ausschließlich um subjektannullierende Überich-Signifikanten handelt, die vertrieben werden müssen oder (unter Umständen) um Überich-Signifikanten, aus denen sich Subjektsignifikanten rekonstruieren ließen?
Als Frau N. nach einem Ortswechsel die Analyse bei mir aufnahm, hatte sich Frequenz und Intensität der Schübe bereits stark verringert und traten dann während der Zeit der Behandlung – mit einer Ausnahme – nicht mehr in Erscheinung. An ihrer Stelle fanden sich mit Beständigkeit bei Trennungssituationen und Analyse-Unterbrechungen jene Symptome ein, wie Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerz, die früher die Schübe „begleiteten“. Diese behielten für eine lange Dauer ihren körperlichen Charakter, den sie erst dann zu verlieren begannen, als sie bemerkte, dass ihr Brechreiz damit zusammenhing, dass sie ihre Arbeitskollegin „zum Kotzen“ fand. Wenn sie mich während längerer Unterbrechungen, die sie unvorbereitet trafen und die sie als abrupt erlebte, so wie ich es ihr angeboten hatte, (wegen körperlicher Beschwerden) anrief, gewann ich immer mehr den Eindruck, dass die Gespräche weniger den Zweck des „Anklebens“ verfolgten, um die Erfahrung der Trennung aufzuheben, sondern einen Versuch darstellten, unsere Unterbrechungen offenen Auges mittels Worte zu bewältigen. Frau N. empfand ihre Mutter als dominant, in ihren Ansprüchen und Vorwürfen an sie unbeherrscht und grenzenlos, den Vater hingegen, der mit der Mutter häufig in Streit lag und deren Gefühlsausbrüche verächtlich fand, als kühl, unnahbar und unsicher. Nur wenn sie krank im Bett lag, gelang es ihr, den Vater aus der streitbaren, jedoch verfestigten Union mit der Mutter zu lösen und eine von ihr unabhängige Beziehung zu ihm einzugehen. Er besuchte sie an dem Ort, an dem sie lebte, versorgte sie, regelte ihre medizinischen und finanziellen Angelegenheiten. Die Krankheit ersetzte die emotionale Bindung zu ihm, die sie der Gefahr, von ihm wie die Mutter verachtet zu werden, ausgesetzt hätte und ihre erworbene Unterschiedlichkeit gegenüber der Mutter gefährdete. Diese Situation wiederholte sich in der Übertragung, in der ich über eine lange Phase der Analyse in der Position einer ärztlichen Instanz gehalten wurde, welche die Krankheitsbilder, die sie beschrieb, behandeln sollte und zugleich von ihrer Gefühlswelt ausgeschlossen blieb.
Im Fall von Frau N. hatte die psychosomatische chronische Darmerkrankung die Funktion, sich Subjektsignifikanten zu erhalten.#6 Der Erfolg ist beeindruckend und zugleich bruchstückhaft. Zwar gelingt es ihr damit einen eigenen (autoerotischen) Körper zu behalten und zu verhindern, im Wunsch des Anderen verloren zu gehen, doch nur um den Preis ein ständig wiederkehrenden Organverletzung, da sich die Subjektsignifikanten auf diese Weise nicht dauerhaft etablieren lassen. Es scheint geradezu so, als würden sich die Subjektsignifikanten, die für den Erwerb eines eigenen Körpers notwendig sind, nur unter der Voraussetzung aufrichten lassen, dass sie sich im nachhinein verwerfen lassen. Es ist hier naheliegend, von einer „psychosomatische Funktion“ zu sprechen, welche den topographischen Charakter der Verwerfung bei Nasio um einen zeitlichen (periodischen) Aspekt ergänzt, und die auch an einem alltäglichen körperlichen Vorgang, dem Lachen, beobachtet werden kann. Im Vorgang des Lachens – dessen Erschütterungen uns zeigen, dass es alles andere als harmlos ist – erzeugt die plötzliche Konfrontation des Unbewussten mit dem Bewussten eines Signifizierung des Traumas, dessen nachträgliche Wirksamkeit sich in der Mimesis des Körpers an das Katastrophale zeigt. Anders gesagt: die psychische Repräsentation des für das Subjekt Traumatischen wird für einen Augenblick möglich, weil sie unmittelbar darauf in konvulsivischen Kontraktionen „ausgelacht“ werden kann. Läßt sich der Traum als eine – wenn auch harmlose – Psychose bezeichnen, so kann man vom Lachen als einer passageren Psychosomatose sprechen.#7
Und bei Frau N.? Statt zur die Trennungsvorgänge symbolisierenden Verarbeitung kommt es zur Verwerfung und die verworfenen Signifikanten werden nicht im Unbewußten integriert, sondern tauchen als körperliche Erschütterungen wieder auf. Die Exekution des Traumatischen von Trennungen durch das Opfer des Körpers schlug nicht das Namenlose in seinen Bann, um den Übergang zur Sprache zu finden, und trotzdem: auch wenn die psychosomatische Funktion entgleiste, so hielt die Organverletzung doch die Hoffnung aufrecht – und das nicht ohne Grund -, auf eine einst endgültige Inbesitznahme des eigenen Körpers.

Literatur


BORENS, R. (1995): Einleitungsreferat zur Tagung „Psychoanalysomatik“. In: RISS, 10.Jg., Nr.31, 5-17.
DOLTO, F. (1987): Das unbewusste Bild des Körpers. Quadriga. Weinheim; Berlin.
EVANS, D. (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia&Kant. Wien
GOMBRICH, E. (1986): Kunst und Illusion. Zur Psychologie der bildlichen Darstellung. Stuttgart.
HEINRICH, K. (1986): „Theorie“ des Lachens. In: D. Kamper / Ch. Wulf (Hrsg.): Lachen – Gelächter – Lächeln. Syndikat. Frankfurt am Main.
LEISER, E. (2002): Das Schweigen der Seele. Das Sprechen des Körpers: neue Entwicklungen in der Psychoanalyse. Turia&Kant. Wien.
PERNIOLA, M. (1991): Del sentire. Einaudi. Torino.
PFALLER, R. (2002): Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur. Suhrkamp. Frankfurt am Main.
RODULFO, R. (1996): Kinder – gibt es die? Die lange Geburt des Subjekts. Kore. Freiburg i. Br. (Vergriffen. Neue Auflage im Psychoszial-Verlag in Vorbereitung).


Zusammenfassung

Ausgehend von der schwierigen Lage der Psychoanalyse angesichts der wachsenden Zahl an psychosomatischen Krankheitsbildern und der Konkurrenz, wie diesen Pathologien zu begegnen sei (Humangenetik, Pharmaka, etc.) wird ein Modell vorgestellt, das versucht, das Körperliche aus psychoanalytischer Sicht neu zu denken. Auf den Grundlagen Freuds und Lacans wird ein radikaler Unterschied zwischen Subjekt und Körper angenommen und die Psyche als Konstruktionsprozeß des Körpers aufgefasst. Eine Topographie des Körpers soll dabei behilflich sein, Störungen in diesem Konstruktionsprozeß besser begreifen zu können. Schließlich wird anhand eines alltäglichen körperlichen Vorgangs, dem Lachen, der Frage nach den Funktionen einer „psychosomatischen Reaktion“, deren Entgleisung die psychosomatischen Störungen darstellen, nachgegangen.

 

1 Überich-Signifikanten gelingt es nicht, ein Subjekt für einen anderen Signifikanten zu repräsentieren. Beladen mit der Last eines mit ihm fest verbundenen Signifikats büßt er seinen Verweischarakter ein und wird zu einem gefrorenen Signifikanten (Lacan) (s. Borens, 1995, 13).


2 „Jedes nicht umformbare Idealich, das sich als solches verfestigt hat, wird mit dem Eintritt in die Adoleszenz automatisch zu einem Überich-Signifikanten.“ (Rodulfo 1996, 270).

3 In einer anregenden Arbeit untersucht Robert Pfaller die politische Opferbereitschaft der Massen, wie sie im paradoxen Willen der österreichischen Bevölkerung zum Verzicht angesichts des von der Regierung unter der verniedlichenden Bezeichnung „Sparpaket“ betriebenen Sozialabbaus zum Ausdruck kommt. „Alle Österreicher wollen sparen“ titelte im Dezember 1995 eine Zeitung. Für ihn folgt die „trübsinnige“ Leidenschaft, mit der das eigene Unglück aufgesucht wird, dem Vorbild der neurotischen Unlust, also einer Lust, die als solche nicht erfahren wird und die mit Hilfe von Freuds Unterscheidung zwischen Ich- und Objektlibido ihre Erklärung finden kann. Nach diesem Modell kann Objektlibido in Ichlibido verwandelt werden, wobei sich die Art der Lusterfahrung verändert: aus Glück wird Selbstachtung. (Pfaller 2002, 234). Gemäß einer asketischen Ökonomie versagt sich der Neurotiker Nahrung, sexuelle Befriedigung, angenehme Gesellschaft, gewinnt aber dafür eine Menge an Respekt für das eigene Ich. Man kann sagen, der Vorteil dieser zielgehemmten Triebe, die der Ichlibido dienen, besteht darin, sich zur Dauer zu eignen, wohingegen die objektlibidinösen der Verausgabung unterworfen sind. Allerdings führt die Verlagerung auf die Seite der Ichlibido dazu, dass die Erfahrbarkeit des Glücks zerstört wird. (Pfaller 2002, 235). Die hohen Beliebtheitswerte des österreichischen Finanzministers Grasser zum Beispiel sind demzufolge das Ergebnis „reaktionärer Affekte“, in denen die Unfähigkeit das eigene Glück zu ertragen und Lust als lustvoll zu erleben zum Ausdruck kommt, die aber nicht jenseits des Lustprinzips stehen.
Wenn jedoch der Befehl „Genieße Deinen Körper!“ seine Herrschaft ausübt, dann geht der libidinöse Körper verloren. Man kann sich tatsächlich fragen, ob nicht eine Kultur, die auf der Verkennung der Lust beruht, sobald ein bestimmtes Quantum von in Unlust verwandelter Lust erreicht ist, den Boden der durch das Lustprinzip regulierten Libidoorganisation verlässt. Das wäre durchaus vergleichbar mit der Situation eine Neurotikers, der, wenn die Symptomlösungen versagen, als Folge der Triebentmischung in den Sog des Todestriebs gerät.


4 „Das strukturale Problem für das Subjekt besteht darin, sich Löcher einzurichten, die als erogene Zonen funktionieren und nicht als Zonen der Zerstörung, von der Mehrlust des Anderen verwüstet. Es sind Öffnungen, zu deren libidinöser Besetzung Türen gehören“ (Rodulfo 1996, 136).


5 Wenn diese frühen Phasen der Körperbildung beschädigt sind, hilft in der Behandlung keine „Stärkung des Ichs“ mit einer besseren Abgrenzung gegenüber der Umwelt, sondern nur eine Regression auf die Position des ursprünglichen „Ungetrenntseins“, um die Bedingung für Trennungen (symbolische Kastration) möglich zu machen. „Wenn jemand es nicht geschafft hat, eine hinreichend zusammenhängende Oberfläche herzustellen, wie und womit soll er eine einschneidende Trennung vom mütterlichen Körper in Angriff nehmen, die ja für ihn die Drohung der Selbstauflösung bedeutet?“ (Rodulfo 1996, 178).

6 Diese Annahme findet in den Forschungen zur Ätiologie und Psychodynamik von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa seine Bestätigung, wonach der Störung meist eine deutliche neurotische Entwicklung vorausgeht, die mit dem Ausbruch der Krankheit und während des Verlaufs immer weniger sichtbar wird, sodaß es nach einiger Zeit aussieht, als ob die körperliche Krankheit die psychische Krankheit ‚ersetze’, sie biologisch umgeschrieben habe. Für die „Ersetzung“ sind Fehler in der frühen Körperkonstruktion verantwortlich. Die ödipale Inszenierung in der Übertragung verdeckt hier, daß sich in diesem frühen Entwicklungsstadium die Wandlung in der väterlichen Funktion, die ihn als Anderen von der Mutter abgrenzt, noch nicht (oder nur partiell) vollzogen hat und sein Einfluß als Paradoxie im imaginären Körper zum Ausdruck kommt.

7 Eine psychoanalytische Theorie des Lachens, die nicht vor dessen unbeherrschbaren Qualitäten zurückschreckend selbst verdrängt, muss – so schreibt Klaus Heinrich (1986) - das in ihm enthaltene Katastrophische miteinbeziehen, die konvulsivischen Verlaufsformen des Lachens zum Thema nehmen und es als Symptom begreifen. Vielleicht liegt die Verspätung dieser Theorien darin, dass Freud in seiner Witzanalyse das Lachen selbst nicht symptomatologisch betrachtete, sondern ausschließlich unter einer triebökonomischen Perspektive als Phänomen "freier Abfuhr" von seelischer Erregung, die aus der plötzlichen Aufhebung einer Hemmung resultiert. Doch wenn schon als Abfuhr aufgefasst, weshalb dann in einer Form physiologischer Erschütterung, die wie eine Fortsetzung des Katastrophischen anmutet? Sollte nicht auch hier, das Lachen betreffend, wie sooft in seinem Werk, eine scheinbar periphere Anmerkung die eindeutige zentrale Aussage ins Wanken bringen können? Für ein Verfahren, welches das Lachen als Konfliktfigur begreift, ist Freuds Beschreibung der Funktion des Lachens in der analytischen Praxis aufschlußreich, wonach Patienten regelmäßig durch ein Lachen bezeugen, "daß es gelungen ist, ihrer bewußten Wahrnehmung das verhüllte Unbewußte getreulich zu zeigen", selbst dann, "wenn der Inhalt des Enthüllten es keineswegs rechtfertigen würde". Bewußtes und Unbewußtes kollidieren miteinander auf dem Feld des Lachens. Ein plötzlich herbeigeführter Unfall, der die kritische Instanz überrumpelt und der, aller Verwandlung in Lust zum Trotz, den Schrecken des Zusammenpralls im Körper entlädt. Verständlich wird dieses Geschehen in einem Vergleich zu Freuds Auffassung der Verneinung als analytischer Technik. Die Verneinung ist der intellektuelle Ersatz für die Verdrängung. Die Rückkehr des Verdrängten wird möglich, weil es als Negiertes in seiner Existenz bestätigt wird und wie auf einem fiktiven Schirm als Abwesendes festgehalten wird ohne allerdings angenommen werden zu müssen. Die "Schöpfung des Verneinungssymbols" gewährt "dem Denken einen ersten Grad von Unabhängigkeit von den Erfolgen der Verdrängung" und stellt es vor eine Entscheidung. Von der Verurteilung ausgehend, kommt es entweder zu einem affektiven Durcharbeiten des Verdrängten mit dem Ziel, es zu akzeptieren oder zu einer Verfestigung der Verdrängung, um ohne Auseinandersetzung über die Triebkraft verfügen zu können. Auch das Lachen führt zu einer Gabelung, die uns zu einer Stellungnahme drängt. In den Erschütterungen des Lachens ist das vom Bewußtsein Ausgeschlossene körperlich gegenwärtig. Offen bleibt, ob es wie eine toxische Substanz abgeschüttelt oder als ein namenloses lustdurchwobenes Entsetzen in ein zu benenndes umgewandelt wird. Droht im Fall der Negation das Denken als abwehrende Rationalisierung auszutrocknen - der verengte Wissenschaftsbegriff gibt da beredtes Zeugnis, so ist es beim Lachen ständig in Gefahr, durch Triebdurchbrüche überwältigt zu werden. Wenn wir lachen, brauchen wir nicht zu verdrängen, weil der Verdrängungsvorgang selbst zerschlagen wird. Während im neurotischen Symptom, im Traum und in der Fehlleistung die antagonistischen psychischen Kräfte eine Gestalt finden, die den Triebwunsch im doppelten Wortsinn "verrät", hält das Lachen nichts von Kompromissen. Nur für Augenblicke kommt es zu einem Zusammentreffen von Bewußtem und Unbewußtem, dann schnellen sie wieder auseinander und die Spuren dieser heftigen Begegnung verlöschen mit der Erscheinung des Lachens. Eine augenblickliche Symbolisierung wird durch das Lachen all seiner Bedeutungen entkleidet, bis es verebbend nur mehr leer von den Lippen kommt.
Dennoch: unterschätzen wir nicht die undomestizierte Potenz des Lacharbeit, die Unmittelbarkeit und Intensität einer Erfahrung, die Stagnation und Starre zu durchbrechen vermag. Das Lachen als präverbaler Signifikant trägt eine unendliche Anzahl von Erzählungen, die ihren Autor suchen, in sich. Darin besteht seine psychosomatische Funktion. Die Begegnung, von der wir gesprochen haben, war im Nu verflogen, aber wer sagt, dass sie das nächste Mal noch ausgelacht werden muss?