Eva Wolfram

Vortragsfassung

Der Wandel des Begriffs Trauma und seine gegenwärtige Bedeutung in der psychoanalytischen Theorieentwicklung

Im Zentrum dieser Arbeit stehen folgende Themen: was kann unter dem Begriff Trauma verstanden werden, wie und woran ist ein Trauma zu erkennen, welche Folgen entstehen durch Traumatisierungen, welche Möglichkeiten und Antworten hat die Psychoanalyse auf diese Fragen bis jetzt gefunden, und auf welchem Stand befindet sich die aktuelle psychoanalytische Theoriediskussion.

Das Trauma hat im Laufe seiner Theoriegeschichte einen lebhaften Wandel durch- gemacht. Ich werde versuchen im Spiegel des mittlerweile mehr als 100 Jahre andauernden psychoanalytischen Diskurses die Eckpfeiler und Wendepunkte der Traumakonzeptionen herauszuarbeiten.

Inbesondere zwei wesentliche Fragen werden herausgearbeitet, anhand derer sich der geschichtliche Wandel nachvollziehen läßt:

  1. Entsteht das Trauma durch innere oder äußere Bedingungen? Ist die reale äußere Verführung oder die Phantasien ausgelöst durch die Triebnatur des Menschen ausschlaggebend für die Genese des Traumas? Inwiefern ist die Traumatisierung nicht durch Triebe sondern durch Objektbeziehungen, also von außen, aber innerhalb einer Beziehung bestimmt?

  2. Gibt es qualitative und quantitative Unterschiede zwischen leichter und schwerer Traumatisierungen und hat das behandlungstechnische Relevanz? Worin besteht der strukturelle Unterschied zwischen einer tendenziell eher leichten und einer schweren Traumatisierung?

Die hier behandelten Fragestellungen betreffen auch Extremtraumatisierungen. Eine verantwortliche Auseinandersetzung mit der Thematik der Traumatisierung durch äußere Katastrophen wie z.B. Eisenbahnunglück, Terror, Folter, Massenvernichtungen, verlangt eine eigenständige und umfassende Darlegung. Diese Themen werden hier nicht behandelt.

Begriffsdefinition

Ursprünglich bedeutet das aus dem griechischen übernommene Wort „trauma“ „Verletzung“, „Wunde“, „Niederlage“ und ist abgeleitet vom Verb „troein“, „durchbohren“, verwunden, betören“, und „terein“, „reiben, aufreiben, quälen, ängstigen“. In der psychiatrischen und neurologischen Forschung wurde das Wort Trauma übernommen, um einen Zustand zu beschreiben, der durch einen schweren unerwarteten Schock erzeugt wurde, z.B. ein Eisenbahnunglück, also ein Ereignis das in keiner Beziehung zum bisherigen Leben des oder der Betreffenden stand. In der Zeit zwischen 1893 und 1895 entliehen Breuer und Freud das Wort Trauma, um Zustände zu bezeichnen die sie als Folgen intensiver emotionaler Erlebnisse der Vergangenheit bewerteten, deren Erinnerungen dem Bewußtsein nicht zugänglich waren. In diesem Sinne bedeutet Trauma somit ein äußeres Ereignis, das eine schwere seelische Erschütterung mit lange anhaltenden Folgen bewirkt.


Sigmund Freud

Erste Phase

In der ersten Phase Freuds psychoanalytischer Theoriebildung zwischen 1895 und 1905 formuliert Freud die Konzepte vom Unbewußten anhand des Traums, der Primär- und Sekundärprozesse des psychischen Apparats, der Symptombildung und Ätiologie von Hysterien und Zwangsneurosen, sowie der Gegenüberstellung von Ich und - Sexualtrieben. Damals verstand Freud das Trauma als eine durch Umweltfaktoren ausgelöste Einwirkung auf das Ich, die dieses weder durch Abreaktion noch durch assoziative Verarbeitung bewältigen kann. Freud: “Zum psychischen Trauma wird jeder Eindruck, dessen Erledigung durch assoziative Denkarbeit oder motorische Reaktion dem Nervensystem Schwierigkeiten bereitet.“ In diesem Zustand ist es dem Ich unmöglich seine libidinöse Energie zu entladen, sie muß daher unterdrückt werden. Die hysterischen Patientinnen und Patienten litten demnach an ungenügend abreagierten Traumen und aufgestauten libidinösen Impulsen.

Grundlage des durch traumatische Einwirkung entstandenen hysterischen Symptoms der Konversion war für ihn folgende: “Wenn einmal ein solcher Kern für eine hysterische Abspaltung in einem „traumatischen Moment“ gebildet worden ist, so erfolgt dessen Vergrößerung in anderen Momenten, die man „auxiliär traumatische“ nennen könnte, sobald es einem neu anlangenden Eindruck gleicher Art gelingt, die vom Willen hergestellte Schranke zu durchbrechen, der geschwächten Vorstellung neuen Affekt zuzuführen und für eine Weile die assoziative Verknüpfung beider psychischer Gruppen zu erzwingen, bis eine neuerliche Konversion Abwehr schafft“. In den Studien über Hysterie, 1895, verändert sich der Begriff der Abwehr-Neuropsychosen dahingehend, daß er von der Bezeichnung der gewöhnlichen Hysterie zur Ausdehnung des Begriffs hin zu dem der traumatischen Hysterie gelangt. Bei dem der Hysterie zugrundeliegenden Mechanismus fällt das Hauptgewicht auf die Natur des Traumas. „Der eigentlich traumatische Moment ist jener, in dem der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung der widersprechenden Vorstellung beschließt. Durch solche Verweisung wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern nur ins Unbewußte gedrängt“. Während dieser Schaffensperiode war Freud der Meinung, ein Abreagieren in der Hypnose oder Katharsis wäre hinreichend zur Bewältigung des Traumas. Eine völlig „kathartische“ Wirkung kann nur durch eine adäquate Reaktion, wie z.B. Rache erfolgen, aber auch Reden oder Beichte könne Abhilfe schaffen. Die Symptome der Hysterie können erst durch Zurückführung auf traumatisch wirksame Erlebnisse verständlich werden. Diese psychischen Traumen beziehen sich jedoch ausschließlich auf das Sexualleben. Freud meint dazu: „Es reicht für die Verursachung der Hysterie nicht hin, daß zu irgendeiner Zeit des Lebens ein Erlebnis auftrete welches das Sexualleben irgendwie streift und durch die Entbindung und Unterdrückung eines peinlichen Affekts pathogen wird. Es müssen vielmehr diese sexuellen Traumen der frühen Kindheit [...] angehören, und ihr Inhalt muß in wirklicher Irritation der Genitalien (koitusähnliche Vorgänge) bestehen“.

Zweite Phase

Die zweite Phase wird durch den berühmten Brief an Fließ vom 21. September 1897 eingeleitet. Darin nennt Freud dringliche Gründe, die ihn bewogen haben die sogenannte Verführungstheorie aufzugeben: zum einen fand Freud diese Bedingung in allen damals analysierten Fällen, unabhängig vom Geschlecht, von Hysterie erfüllt. Aufgrund der Häufigkeit der hysterischen Neurosen hätte dieses Traumamodell den Rückschluß auf ein massenhaftes Auftreten der sexuellen Übergriffe in Eltern, Geschwister- oder sonstigen Pflegebeziehungen zugelassen. Zum anderen erzielte er in den Analysen nicht die Erfolge, die er sich durch diese Aufklärung erwartet hatte. Seine dritte Begründung liegt in der Beschaffenheit des unbewußten Materials selbst: da es im Unbewußten keine Realitätszeichen gäbe, könne auch über Realität oder Phantasie nicht entschieden werden.

Diese Wende in der Theorie erfolgte durch die Entdeckung des Ödipuskomplexes und der unbewußten Phantasien. Freud lenkte zwar den Kern seiner Theorie in eine andere Richtung, nämlich in die des Triebmodells und somit in Richtung innerer Realität, die nicht notwendiger Weise einer äußeren entsprechen müsse, kommt jedoch in seinen weiteren Schriften immer wieder auf die Tatsache der sexuellen Verführung als Ursache neurotischer Erkrankungen in der Kindheit zurück. In den 1905 erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ arbeitet Freud die infantile sexuelle Triebentwicklung aus und entwickelt daraus den Teil der psychoanalytischen Metapsychologie, bestehend aus dem Konzept der Ich-Libido, dem primären Narzißmus und dem Ich-Ideal, sowie über die Mechanismen der Introjektion, Identifikation und Projektion. Das Werk „Trauer und Melancholie“ ist der Höhepunkt dieser Phase der Theoriebildung.

Bezüglich der Ätiologie der Neurosen schließt Freud mit dem Ergebnis ab, daß die von außen kommende Attacke keine notwendige determinierende Bedingung für eine Erkrankung sei, sondern daß diese ebenso vorwiegend durch innere Verursachungsketten zustande zu kommen vermag.

Dritte Phase

Unter dem Einfluß der extrem traumatischen Bedingungen des ersten Weltkrieges und der Fallbeschreibung des „Wolfsmanns“ wurde die dritte Phase der Freudschen Theoriebildung eingeleitet. Freud stellt eine reale Verführung in den Mittelpunkt und rückt damit seine erste Traumatheorie, nämlich die der pathogenen Wirkung von Außenweltfaktoren wieder in den Vordergrund. Bezüglich der Kriegsheimkehrer und der Kriegsneurosen tritt der psycho-ökonomische Aspekt wieder in den Mittelpunkt des Geschehens: „es ist so, als ob diese Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe noch vor ihnen stände, [...] sie zeigt uns den Weg zu einer [...] ökonomischen Betrachtung der seelischen Vorgänge“.

In „Jenseits des Lustprinzips“ erweitert Freud seine Überlegungen durch das Konzept des Reizschutzes. “Solche Erregungen von außen, die stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des seelischen Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen“. Der hier erstmals erwähnte Wiederholungszwang dient der Aktualisierung des traumatischen Erlebnisses mit dem Ziel, die überflutende Erregungsmenge zu binden oder abzureagieren und damit das Lustprinzip wieder in Kraft zu setzen. Das gleiche Ziel verfolgen Wiederholungsträume und immer wiederkehrende Symptome. Bedeutsam ist hier nicht nur die Unmöglichkeit der Auflösung der traumatischen Situation, sondern vielmehr die Tatsache der Retraumatisierung durch diese Wiederholungen. Das Konzept der ersten Triebtheorie in dem der Sexualtrieb den Ich-Trieben gegenübergestellt wurde, wird in weiterer Folge von der dualistischen Lebens- versus Todestrieb-Theorie abgelöst.

Vierte Phase

„Hemmung, Symptom und Angst“,1926, leitet Freuds vierte Phase ein. Hier revidiert er seine erste Angsttheorie, in der er neurotische Angst als umgewandelte sexuelle Libido verstand. Er beschreibt das von automatischer Angst überflutete Ich angesichts einer unerträglichen Erregung in der traumatischen Situation als absolut hilflos. Diese automatische Angstsituation, die immer dann auftritt, wenn das Ich sich in einer überflutenden Situation befindet, steht demnach der Signalangst gegenüber, die das Herannahen eines bekannten traumatischen Ereignisses anzeigt. Freud legt sich zwar dahingehend fest, daß sowohl innere übermäßige Triebregungen (Trieb-Modell) als auch äußere reale Erlebnisse (Trauma-Modell) eine traumatische Situation bewirken können, über die Relation von äußerem Ereignis und den inneren Vorgängen zueinander, kommt er zu keiner definitiven Aussage.

Inhaltlich finden wir hier den Ursprung der eigentlichen Ich-Psychologie, mit der Betonung des Ich als eine die Angstsituation antizipierende Instanz. Die Revision des Angstbegriffs bringt es mit sich, daß die Rolle der Umwelt, insbesondere der Mutter, und die Notwendigkeit der Hilfe von außen ins Zentrum der Beschäftigung mit dem Begriff des Traumas rücken. In „Die endliche und die unendliche Analyse“,1937c, und in „Die Ichspaltung im Abwehrvorgang“,1940, stehen die Veränderungen, denen das Ich während der Abwehrvorgänge unterliegt, sowie seine vermittelnde Funktion zwischen Trieb und äußerer Wahrnehmung im Vordergrund der Betrachtung der Ätiologie traumatischer Neurosen: “Die Ätiologie aller neurotischen Störungen ist ja eine gemischte; es handelt sich entweder um überstarke, also gegen die Bändigung durch das Ich widerspenstige Triebe, oder um die Wirkung von frühzeitigen, d. h. vorzeitigen Traumen, deren ein unreifes Ich nicht Herr werden konnte. In der Regel um ein Zusammenwirken beider Momente, des konstitutionellen und des akzidentellen. Je stärker das erstere, desto eher wird ein Trauma zur Fixierung führen und eine Entwicklungsstörung zurücklassen. Je stärker das Trauma, desto sicherer wird es seine Schädigung auch unter normalen Triebverhältnissen äußern“. Das Ich greift oft zu spitzfindigen Wendungen um allen Damen und Herren, denen es zu dienen hat, gerecht zu werden. Insbesondere das kindliche Ich zeigt darin besonderen Einfallsreichtum: „Es [das Ich] soll sich nun entscheiden: Entweder die reale Gefahr anerkennen, sich vor ihr beugen und auf die Triebbefriedigung verzichten, oder die Realität verleugnen, sich glauben machen, daß kein Grund zum Fürchten besteht, damit es an der Befriedigung festhalten kann. Es ist also ein Konflikt zwischen dem Anspruch des Triebes und dem Einspruch der Realität. Das Kind tut aber keines von beidem, oder vielmehr es tut gleichzeitig beides, was auf das selbe hinauskommt. Es antwortet auf den Konflikt mit zwei entgegengesetzten Reaktionen, beide giltig und wirksam. [....] Der Erfolg wurde erreicht auf Kosten eines Einrisses im Ich der nie wieder verheilen, aber sich mit der Zeit vergrößern wird. Die beiden entgegengesetzten Reaktionen auf den Konflikt bleiben als Kern einer Ichspaltung bestehen“.

Innerhalb dieses vierphasigen Modells wird ersichtlich, daß Freud zwei wesentliche Theorien zur Ätiologie der Neurosen entwickelt hat. Einerseits das Triebmodell, andererseits das Traumamodell. Das Traumamodell entspricht in seiner pointiertesten Fassung der Verführungstheorie, das Triebmodell der eigentlich psychoanalytischen ätiologischen Theorie.

Zusammenfassung

Zusammenfassend sei in Erinnerung gerufen: Freud ging von seinen klinischen Arbeiten Mitte der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts aus, in denen Patientinnen und Patienten häufig von sexuellen Verführungserlebnissen in der Kindheit berichteten. Die Konzeption der Nachträglichkeit ist der zentrale Aspekt zur Entstehung der traumatischen Neurose und besagt folgendes:

Freud maß den in der Kindheit erlittenen sexuellen Erlebnissen in der Verursachung der Psychoneurosen immer größere Bedeutung zu. Er betonte die Unfähigkeit des noch nicht geschlechtsreifen Kindes zur Verarbeitung dieser Erlebnisse, sowie die Unfähigkeit zu genitalen sexuellen Vorstellungen. Folgt in der Pubertät ein weiteres Erlebnis, welches assoziativ die Erinnerung an das erste Erlebnis weckt, und diesem nun die Wucht der sexuellen Bedeutung verleiht, wird nachträglich der Verdrängungsmechanismus in Kraft gesetzt. Also wirkt durch die Erinnerung, die nach der sexuellen Reifung auftaucht, das Ereignis traumatischer als das präpubertäre Ereignis selbst. Die psychoneurotische Symptombildung erfolgt also erst durch Mißlingen der Abwehr zum Zeitpunkt eines späteren Konflikts. Freuds Konzeption der Nachträglichkeit besagt nach Laplanche/Pontalis: „Nicht das Erlebte allgemein wird nachträglich umgearbeitet, sondern selektiv das, was in dem Augenblick in dem es erlebt worden ist, nicht vollständig in einen Bedeutungszusammenhang integriert werden konnte. Das Vorbild für ein solches Erleben ist das traumatisierende Ereignis“.

Das besonders Bedeutsame an der Nachträglichkeit ist, daß eine Erinnerung verdrängt wurde, die nur nachträglich zum Trauma geworden ist.

Schon dieses frühe Traumamodell zeugt von der Vernetzung innerer und äußerer Bedingungen. Die Verführungstheorie selbst verwarf Freud jedoch, da es: erstens im Unbewußten kein Realitätszeichen gibt, Wahrheit und Phantasie demnach dort nicht unterschieden werden können; zweitens aus der Häufigkeit der Berichte über sexuelle Verführungen seiner Patienten und Patientinnen, die nur zum Teil realen Ereignissen entsprachen und drittens wurden nicht die gewünschten Erfolge in den Analysen erzielt. Freud entschloß sich die phantasierten Mitteilungen seiner Patientinnen und Patienten nicht als Lügen zu bezeichnen, sondern maß ihnen die gleiche Würde und Relevanz, wie den realen Ereignissen bei. Der erweiterte Begriff seiner Metapsychologie umfaßte die Tatsache des intensiven Sexuallebens der Kinder, die verschiedenen Phasen der Libidoentwicklung, entsprechend den ihnen zugeordneten erogenen Körperzonen, sowie die Struktur des Ödipuskomplexes. Damit war die Entdeckung der Welt der Phantasien rund um den Ödipuskomplex als eine anthropologische Grundformel, also eine universelle Gesetzmäßigkeit geboren und damit das Triebmodell.

Triebmodell und Traumamodell

Die Betrachtung der Ätiologie der Neurosen erweckt bis jetzt eher den Eindruck, es handle sich um zwei antagonistische Modelle, in denen Außenwelt- und Innenwelt-Faktoren einander gegenüberstehen. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch Freuds Bemühen offensichtlich, das „Wie“ der wechselseitigen Beziehung beider Theorien herauszuarbeiten. Schematisch formuliert heißt es nicht mehr Trauma oder Trieb, sondern Trieb und Trauma.

Bei genauerem Studium des graphischen Schemas der ätiologischen Formel der 23. Vorlesung von 1915, bringt Freud zum Ausdruck, daß für die Disposition zur Libidofixierung das traumatische Erleben der Kindheit einerseits und die sexuelle Triebkonstitution andererseits in der Neurose zum Ausdruck kommen.

Einen weiteren Versuch Triebmodell und Traumamodell zu integrieren unternimmt Freud, wie bereits erwähnt, in „Jenseits des Lustprinzips“, anhand der Darstellung des Wiederholungszwangs, dessen Bemühungen zur Bindung von traumatischen äußeren Ereignissen dient. Die Reizüberflutung kann sowohl durch äußere Ereignisse, als auch durch Erregungen von innen, insbesondere durch die Triebe, ausgelöst werden. Das Mißlingen der Bindungsversuche durch den Wiederholungszwang sah Freud als Zeichen des Todestriebes. Die Ursache des Wiederholungszwangs in der Auswirkung des Todestriebes ist bis heute Mittelpunkt vielfältiger Kontroversen.

Last, not least wird sein Bemühen, Triebmodell und Traumamodell zusammenzufügen, in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“,1939, offensichtlich: „die Kluft zwischen beiden Gruppen [d.h. Neurosen, in deren Ätiologie infantile Traumatisierungen klar nachweisbar sind, und solchen, für die dies nicht zutrifft] scheint nicht unüberbrückbar. Es ist sehr wohl möglich, beide ätiologischen Bedingungen in einer Auffassung zu vereinigen; es kommt nur darauf an, was man als traumatisch definiert. Wenn wir annehmen dürfen, daß das Erlebnis den traumatischen Charakter nur in Folge eines quantitativen Faktors erwirbt, daß also in allen Fällen die Schuld in einem Zuviel an Anspruch liegt, wenn das Erlebnis ungewöhnliche, pathologische Reaktionen hervorruft, so kann man leicht zur Auskunft gelangen, daß bei der einen Konstitution etwas als Trauma wirkt, was bei einer anderen keine solche Wirkung hätte. Es ergibt sich dann die Vorstellung einer gleitenden sogenannten Ergänzungsreihe, in der zwei Faktoren zur ätiologischen Erfüllung zusammentreten, ein Minder vom einem durch ein Mehr vom anderen ausgeglichen wird, im Allgemeinen ein Zusammenwirken beider stattfindet und nur an den beiden Enden der Reihe von einer einfachen Motivierung die Rede sein kann. Nach dieser Erwägung kann man die Unterscheidung von traumatischer und nicht traumatischer Ätiologie als [...] unwesentlich beiseite lassen“.

Trotz seiner lebenslangen Befürchtung, das gefällige Trauma-Modell könnte das weit weniger gefällige Trieb-Modell, das eine Auseinandersetzung mit unangenehmen unbewußten Wünschen, inneren Konflikten und der frühkindlichen Sexualität verlangt, in den Hintergrund rücken, bemüht sich Freud bis zuletzt um eine Integration beider Modelle in seiner Theoriebildung.


Die phylogenetische Phantasie

Unter den im Jahre 1983 aufgefundenen, Papieren aus dem Nachlaß Sandor Ferenczis, fand sich der Entwurf der 12. Metapsychologischen Abhandlung von 1915, wahrscheinlich bekannter unter Freuds „phylogenetischer Phantasie“. Dieser späteste Integrationsversuch von Trieb- und Trauma-Modell unterscheidet sich von allen bisherigen Modellen einerseits durch seinen tagtraumähnlichen, autobiographischen, nahezu mythologischen Charakter und andererseits durch die Betrachtung der Zusammenhänge zwischen Gewalt, Versagung und Kulturentwicklung. Das Triebmodell wird um die phylogenetische Dimension der Betrachtung erweitert. „ Wie sind diese unentrinnbar wirksamen, zwangsartigen, stereotypen Programmierungen allererst in das Körpersubstrat hineingelangt? Er [Freud] glaubt, in ihnen somatisch geronnene und auf dem Vererbungswege unveränderlich, von Generation zu Generation weitergegebene Spuren von Umweltereignissen und sozialen Handlungen zu entdecken, die in grauer Vorzeit in der Außenwelt real stattgefunden und unsere Vorahnen überwältigt haben. Tatsächlich imaginiert Freud in seiner phylogenetischen Phantasie diese Umweltereignisse und Handlungen als traumatische: radikale Klimaveränderung, Lebensbedrohung durch Hunger und Kälte, danach Verfolgung, Vertreibung und Kastration durch den Urvater, schließlich Ermordung des Urvaters.“ Der traumatische Einfluß wird in die Phylogenese zurückverlegt, um so durch den dicken Mantel der Jahrtausende, den Einfluß des Traumamodells abzuschwächen und doch in Form der Urphantasien erneut zu gewichten. Im Bezug auf die Verführungstheorie bedeutet das, daß die Verführungs- und Kastrationsphantasien der Kranken, sofern sie nicht auf realen Tatsachen beruhen, keine Lügengeschichten sind, sondern zwingende Urphantasien darstellen. Urphantasien erweisen sich wie das beschriebene Konzept des Wiederholungszwangs als Bindeglied zwischen Trieb- und Traumamodell und können der traumatischen Neurose analoge Störungen hervorrufen. Freud animiert mit dieser Phantasie, die phylogenetische Ebene miteinzubeziehen, wenn im ontogenetischen Bereich die Grenzen erreicht sind. Er hat jedoch von der Veröffentlichung dieses Manuskripts abgesehen, zumal ihm der spekulative Charakter dieser mutigen Gedanken bewußt war.

Im Lichte des gegenwärtigen Standes der Neurowissenschaften und der Neuropsychoanalyse können diese Gedanken Freuds nicht mehr als reine Spekulation abgetan werden, sondern gewinnen an Gewicht. Nicht nur die psychische Struktur, sondern auch die neurophysiologische und die neuroanatomische Ebene werden durch ein schweres Trauma erfaßt. Die Verschränkungen zwischen Psyche und Soma sind deutlicher geworden, die Überbrückung der Kluft zwischen unserer körperlichen und psychischen Existenz, die durch den Triebbegriff Freuds beschrieben, wird scheint in greifbare Nähe gerückt.



Sandor Ferenczi

war ein sehr enger Freund und Kollege Freuds. Die beiden entzweien sich an dem Artikel Ferenczis „Die Sprachverwirrungen zwischen Erwachsenem und Kind“. Freud rät von der Veröffentlichung ab, Ferenczi gerät in ein innerliches Dilemma „sich neu einzurichten oder zu sterben“, er ließ sich jedoch von der Veröffentlichung nicht abhalten und hielt seinen Vortrag. Sieben Monate nach seiner letzten Korrespondenz mit Freud stirbt Ferenczi. Ferenczi hat die Traumadiskussion um die Brisanz der Objektbeziehungen erweitert, also um das Beziehungsgeschehen. Dieses stellt heute an Akutalität alle anderen Theorien in den Schatten. Mit Ferenczi wird das Trauma in die Objektbeziehungen eingebettet.

In den Arbeiten aus den Jahren 1928-1933 definiert er das Trauma als ein Ausbleiben der Antwort des Objekts angesichts einer Situation der Hilflosigkeit definiert. Damit knüpft Ferenczi an den Traumabegriff der hier als vierte Phase Freuds beschriebenen Theoriebildung an. In „Hemmung, Symptom und Angst“ (1926d) rückt Freud die Bedeutung der Funktion der Umwelt in den Vordergrund. In dem Moment, wo das Ich eine Gefahr aus der Außenwelt antizipieren kann, kommt der äußeren Gefahrensituation und somit auch den Objekten in der Außenwelt selbst eine erhöhte Bedeutung zu. Es ist Ferenczis Verdienst, daß dem Zusammenhang zwischen Trauma und Objektverlust gebührend Beachtung geschenkt wurde. Er beschreibt eine Erschütterung, die die Persönlichkeit aufsprengt. Durch den Schock, den die Erschütterung auslöst, werden Teile der Persönlichkeit getötet und danach abgespalten – die Persönlichkeit wird fragmentiert.

Im Zentrum seiner Traumatheorie steht ein zweiphasiges Bedingungsmodell zur Entstehung eines Traumas. Die pathogene Wirkung des Traumas entfaltet sich in erster Linie dadurch, daß die Personen, von denen das Kind abhängig ist, im Anschluß an das traumatische Ereignis das Geschehene ableugnen. An erster Stelle steht das unvorbereitete Eindringen des Reizes aus der Außenwelt, der Schock, die Wiederholung des Traumas, und an zweiter Stelle die Verleugnung des Geschehenen durch den Erwachsenen. In seinem Artikel „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind“ von 1933, nimmt er das Thema der Exogenität des Traumas, mit Betonung der Interaktion zwischen „Angreifer“, bzw. Aggressor und dem Kind, auf und erläutert es anhand des Beipsiels einer realen Sexualverführung. Er beschreibt die körperliche und moralische Hilflosigkeit angesichts der überwältigenden Kraft und Autorität des Erwachsenen. „Doch dieselbe Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht, zwingt sie automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“.

Die zweite Entstehungsbedingung finden wir hier präziser ausformuliert „Fast immer benimmt sich der Täter, als ob nichts geschehen wäre“. Er verleugnet die Tat. Zumeist gibt es gleichzeitig keine Vertrauensperson, die das Geschehene bestätigen könnte. Die noch schwach entwickelte Persönlichkeit des Kindes reagiert auf die plötzliche Unlust statt mit Abwehr mit Identifikation und Introjektion. Introjeziert wird das Schuldgefühl des Erwachsenen, um ihn so als gutes äußeres Objekt bewahren zu können. Resultat ist die Spaltung des Ich. Das Kind fühlt sich durch die übernommenen Schuldgefühle des Täters bzw. der Täterin einerseits schuldig und andererseits unschuldig. Es entsteht so eine Persönlichkeitsform, die autoplastisch reagiert, d.h. eine Entwicklungsstufe, auf der der Organismus nur sich selbst verhaftet ist und lediglich körperliche Vorgänge vollzieht , in unserem Fall durch Mimikry die Regungen des Angreifers bzw. der Angreiferin nachvollzieht. Durch diese permanenten Identifizierungen mit dem Objekt kann die Außenwelt nicht verändert werden, es fehlt also die Fähigkeit zu alloplastischer Umgestaltung. Im Gegenteil, es erfolgt eine immer wieder zu Traumatisierung führende Veränderung, bzw. Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, die aufgrund des fehlenden Ich, Gefahren als solche nicht erkennen kann.

Ferenczi spricht im Anschluß von der Sprachverwirrung zwischen Erwachsenem und Kind, in der dem zärtlichkeitsbedürftigen Kind leidenschaftliche und mit Schuldgefühlen belastete Arten des Liebens aufgezwungen werden. Es ist immer der Elternteil, der dazu aufgefordert ist, diese hinter der Unterwürfigkeit liegende Übertragungsliebe als solche zu erkennen und durch Einhaltung der Grenzen zwischen Phantasie und Realität dem Kind die Möglichkeit zu geben, diese Liebe auf ein höheres Niveau zu stellen.

Eine weitere Folge der Identifizierung liegt in der Frühreife oder traumatischen Progression: das traumatisierte Kind ist weise, entwickelt erstaunliches Intelligenzvermögen und Wissen um die Probleme der geschwächten Elternteile. „Die Angst vor den hemmungslosen, also gleichsam verrückten Erwachsenen, macht das Kind sozusagen zum Psychiater, und um das zu werden und sich vor den Gefahren seitens Personen ohne Selbstkontrolle zu schützen, muß es sich mit ihnen zunächst vollkommen zu identifizieren wissen“. Dieser Mechanismus wurde unter dem Begriff des „gelehrten Säuglings“ bekannt. Ferenczi wies auf die Verbindung des Traumabegriffs mit dem Spaltungsbegriff hin, die er als eine „narzißtische Selbstspaltung“ betont. Die Objektbeziehung verwandelt sich im Anschluß an die Spaltung in eine narzißtische Beziehung, d.h. ein Teil der eigenen Persönlichkeit bemuttert den anderen Teil was zwangsläufig eine Überforderung darstellt.

Neben der bisher betonten leidenschaftlichen Liebe, hebt Ferenczi die leidenschaftlichen Strafen und den Terrorismus des Leidens als Mittel ein Kind an sich zu binden hervor. „Kinder haben den Zwang, alle Art Unordnung in der Familie zu schlichten, [...] um die verlorene Ruhe und die dazugehörige Zärtlichkeit wieder genießen zu können“. Dadurch entwickelt das Kind Fähigkeiten, die zum frühreifen Heranwachsen der Persönlichkeit führen und die viel eher zu Ehe, Mutter- oder Vaterschaft gehören würden.

Zusammenfassend wird deutlich, daß Ferenczi die Objektbeziehungen und die damit verbundenen Identifikationen mit dem schädlichen Objektanteil in den Vordergrund der Genese des Traumas rückt und damit die Tore für die nachfolgenden, an der Rolle der Mutter orientierten Traumatheorien öffnet.

Autoren wie Rene Spitz, Anna Freud, Michael Balint, Donald Woods Winnicott, Massud Khan, Leonard Shengold, Leon Wurmser betonen in ihren Theorien die Wichtigkeit der Rolle der Mutter als Reizschutz mit Unterschiedlicher Gewichtung und arbeiten differenzierte phasenhafte Modelle der Traumatisierung aus, die auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Mir scheint, daß diese AutorInnen nichts substanziell Neues bringen, ich habe sie dennoch bearbeitet. Aus Zeitmangel werden sie in diesem Vortrag nicht angeführt. Wer sich dafür interessiert, kann nachher Material und Unterlagen von mir dazu haben.

Otto Kernberg

Ins Zentrum der Traumaüberlegungen rückt der Begriff des Affekts. Nicht mehr das Triebgeschehen oder der Mangel an Reizschutz werden hervorgehoben, im Gegenteil - der Affekt wird wichtiger als der Trieb. Bei Freud drückt sich jeder Trieb in einem Affektanteil und einem Vorstellungsanteil aus. Für Kernberg und auch Fonagy gibt es angeborene Affekte. Kernberg stellt explizit Freuds Definition des Triebes auf den Kopft und meint, die Affekte seien wichtiger als die Triebe. Darin findet sich die grundlegend neue Sichtweise auf das Trauma wieder. Die angeborenen Affekte (Freude, Interesse, Scham, Wut, Trauer, Furcht, Überraschung, Ekel – nach Krause) manifestieren sich in den ersten Objektbeziehungen, wobei die traumatisierende Beziehung unter diesem Blickwinkel betrachtet werden.

Otto Kernberg arbeitet in der psychoanalytischen Psychotherapie hauptsächlich mit Patientinnen und Patienten, die unter schweren chronischen Traumatisierungen leiden und schweren chronischen Aggressionen ausgesetzt waren. Kernberg betont die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Posttraumatischer Belastungsstörung und dem Trauma als ätiologischem Faktor, sowie der Differenzierung zwischen Trauma und chronischer Aggression. Für Kernberg ist Trauma als: “eine einmalige intensive überwältigende und desorganisierende Erfahrung bzw. als ein Erleben zu sehen, das von der Psyche nicht absorbiert und „metabolisiert“ werden kann und das von einer chronischen Auseinandersetzung mit aggressiven Einflüssen unterschieden werden muß“. Seine klare Unterscheidung zwischen Trauma als ein einziges oder zeitlich beschränktes Erlebnis und chronischen Aggressionen, denen das Kleinkind ausgesetzt ist, betont er, um das Spezifische an der Traumapathologie nicht zu verwischen. Chronische Aggressionen sind als intensive schmerzhafte Erlebnisse, wie z.B. chronisch aggressiv mißhandelndes Verhalten zu verstehen, das reaktive Aggression auslöst und somit das Vorherrschen primitiver Aggressivität als den ätiologischen Faktor und die Hauptursache in der Entwicklung von schweren Persönlichkeitsstörungen und Borderlinepersönlichkeitsstörungen darstellt. Dadurch wird die normale Integration von idealisierten und verfolgenden internalisierten Objektbeziehungen, sowie die Integration von Liebe und Aggression verhindert. Die Konsequenz daraus ist, daß das Selbstkonzept zwischen den idealisierten und entwerteten, den guten und bösen Aspekten des Selbst gespalten bleibt, sowie daß eine Spaltung in idealisierte und verfolgende Objektrepräsentanzen bewirkt wird. Weiters kommt es zu Identitätsdiffussion, die durch die mangelnde Fähigkeit ein einheitliches Bild von sich und den wichtigsten Bezugspersonen zu haben, gekennzeichnet ist.

Die posttraumatische Belastungsstörung, auch als posttraumatisches Streßsyndrom vielfach beschrieben, ist ein akutes Erscheinungsbild als Folge schwerer Traumen durch: Konzentrationslager, Krieg, Unfälle, Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, politischen Terror, Folter und andere Formen schwerer körperlicher, sexueller oder psychischer Mißhandlung besonders in der frühen Kindheit.

Kernbergs Affekttheorie versucht ein tieferes Verständnis seiner Traumatheorie zu ermöglichen. Er versteht Affekte als fundamentales Motivationssystem mit psychophysiologischer Struktur, die uns zu: Freude, Angst, Ekel, usw. im Positiven wie im Negativen Sinn anregt. Es sei besonders hervorgehoben, daß für Kernberg, im Gegensatz zu Freud, Affekte Bausteine der Triebe sind und nicht umgekehrt. Kernberg möchte damit die Nähe zu den frühen Objektbeziehungserfahrungen betonen, die im Affekt eingeschrieben sind. Säuglinge lernen bereits in der symbiotischen Phase an der Brust Affektzustände kennen, die als affektive Spitzen – peak affect states, bezeichnet werden. Diese intensiven hocherregenden Affekte, wie z.B. Freude oder Verlassenheit, Liebe oder Wut, werden nur dann steuerbar, wenn die Mutter ihnen entsprechend gut reagiert. Durch die Beziehung unter Spitzenaffekten wird eine typische dyadische interaktive Mutter-Kind Gedächtnis- und Affekterinnerung niedergelegt. Gedächtnisstrukturen, die sich herausbilden, wenn sich das Kind in einem ruhigen Affektzustand befindet, tragen direkt zur Ich-Entwicklung bei. Im Gegensatz dazu fördern Erfahrungen, die in hocherregten Affektzuständen gemacht werden, die Internalisierung primitiver Objektbeziehungen und führen zu Wünschen nach Wiederholungen bzw. Vermeidungen ähnlicher affektiver Erfahrungen. Diese Wünsche bestimmen das Motivationsrepertoire, aus dem sich das organisierte Es entwickelt. Das organisierte Es besteht aus verdrängten Spitzenaffekten aus dyadischen, internalisierten Objektbeziehungen. Zusammenfassend geht Kernberg von der These aus, daß Affekte die Verbindung zwischen ihren biologisch begründeten allgemeinen Trieben auf der einen Seite und ihrer intrapsychischen Organisation auf der anderen Seite darstellen. Peak affect states sind sowohl bei Traumatisierungen als auch bei Borderline-Störungen anzutreffen. Die starke Affekterinnerung und die daraus resultierenden Gedächtnisstrukturen sind Ursache des Schweregrades dieser Pathologien. Bei chronischen Traumatisierungen gibt es beispielsweise keine Unterscheidung von Selbst und Nicht-Selbst.




Peter Fonagy

Fonagy stellt ebenso wie Kernberg die Affekte in den Vordergrund der Traumadiskussion. Er bezieht sich auf Kohuts Konzept des Spiegelns und Winnicotts Konzept des falschen Selbst. Auf diese Konzepte aufbauend betrachtet er die Entwicklung der Affektregulierung und deren Entgleisungen.

Unter Spiegeln wird die mimische und akustische Spiegelung der kindlichen Gefühle zum Zweck der Affektregulierung durch die Mutter verstanden. Gelingt es einer Mutter nicht oder nur rudimentär die Gefühle ihres Kindes zu lesen und sich darauf einzustellen, versagt also die Mutter in ihrer Funktion der Affektregulierung beim Kind, kann das Kind als Folge seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die anderer Personen nicht richtig wahrnehmen, einschätzen oder adäquat auf diese reagieren. Es ist ihm nicht möglich ein Bild von sich selbst oder einer anderen Person zu entwickeln, in dem Hoffnungen, Einstellungen, Vorstellungen, Wissen und Intentionen eine Rolle spielen. Erst dadurch jedoch bekommt das Verhalten einer Person vorhersagbare Bedeutung und Sinn für das Kind. Fonagy bezeichnet diesen Entwicklungsprozeß hin zur Fähigkeit der eigenen Affektregulierung als Mentalisierung, d.h. das eigene wie auch das Verhalten anderer Personen in Begriffen von Geisteszuständen begreifen zu können.

Es lassen sich zwei pathologische Formen des Spiegelns von Affekten unterscheiden. Bei der ersten Form der Spiegelungen erkennt die Mutter zwar die Gefühle des Kindes kongruent, ist jedoch aufgrund ihrer eigenen emotionalen Schwierigkeiten von den negativen Gefühlen des Kindes überwältigt. Das Kind wird so über die Mutter mit einem noch gefährlicheren und destruktiveren Gefühl konfrontiert und schließt daraus, die Mutter angesteckt zu haben. Anstelle von Affektregulierung eskaliert der negative Zustand des Kindes und bildet die Grundlage für Traumatisierungen. Das nicht gekennzeichnete Gefühl bleibt weiterhin mit der Mutter aufs Engste verbunden und somit auch das Kind. Dieser Prozeß führt schließlich zu projektiven Identifizierungen. Das Kind schließt daraus, daß die eigenen Gefühle für andere unaushaltbar sind. Es kann die eigenen Gefühle aufgrund der fehlenden Spiegelung nicht als in ihm selbst liegend erkennen und sucht diese immer wieder in anderen Personen.

Bei der zweiten Form der Spiegelungen ist es der Mutter nicht möglich, die echten Gefühle des Kindes zu erkennen, was zu inkongruenten, verzerrten Spiegelungen führt. Durch dieses emotionale Unverständnis und die Substitution der Gefühle des Kindes durch fremde mütterliche, kann das Kind kein kohärentes Selbstgefühl entwickeln. Folglich wird das Selbst überflutet, Angst vor weiterem Eindringen aus der Außenwelt tritt auf. Das Kind kann sich ausschließlich dann erleben, wenn es im Gegensatz zu den Außenwelteinflüssen handelt und lernt so, lediglich zu imitieren. Sein wahres Selbst wird dadurch unterdrückt. Reaktionen sind dem Kind nur in Antwort auf Gesten der Bezugsperson möglich, es ist für das Kind unmöglich, Zugang zu eigenen kreativen Gedanken und Gefühle zu entwickeln. Es weiß nicht einmal genau, ob es überhaupt existiert und bildet zum Schutz des wahren Selbst nur ein falsches Selbst aus. Die Auswirkungen der inadäquaten oder nicht erfolgten Spiegelungen sind denjenigen, der durch traumatische Einflüsse entstandenen Auswirkungen gleichzusetzen. Die Wahrnehmung des Selbst in der Vorstellung des Anderen wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Repräsentation des Erlebens des Kindes und wird als fremder Selbstanteil internalisiert.

SCHLUSSFOLGERUNGEN VORTRAG

Zurück zum Titel dieser Arbeit, worin besteht nun der Wandel des Begriffs Trauma und inwiefern kann von einem Wandel gesprochen werden?

Freud war hin und hergerissen zwischen Trieb und Trauma, bzw. Trieb oder Trauma, befürchtete immer, daß die inneren Verursachungen verloren gehen könnten, deshalb seine Betonung des Triebaspektes. Daß z.B. ein Eisenbahnunglück ein Trauma verursacht ist leichter zu verstehen (weil es da auch einen vorprogrammierten psychischen Verarbeitungsmechanismus gibt), als daß es eine Trauma gibt, das durch die Konzeption der Nachträglichkeit bestimmt wird. Im Rahmen der phylogenetischen Phantasie kommt erstmals der Gedanke einer neurobiologischen Grundlage des Traumas zum Ausdruck, die sich im heutigen Diskurs der Neuropsychoanalyse wiederfindet, auf die Sylvia Wintersperger näher eingehen wird. Was für Freud kein Thema war und sich in den heutigen Traumatheorien wiederfindet sind: die Beziehung zum Objekt und das Affektgeschehen.

Durch den Wandel hin zur Suche nach äußeren Verursachungen, die von den hier genannten ObjektbeziehungstheoretikerInnen betont wird, hat sich Freuds Befürchtung, die innere Phantasiewelt und die Triebe könnten ins Hintertreffen geraten bewahrheitet. Die Objektbeziehungen haben den Platz eingenommen, den die Triebphantasien bei Freud hatten.Nicht die Triebe, sondern die Objektbeziehungen traumatisieren, also das reale Verhalten der Eltern ist ausschlaggebend. Das ist einerseits eine gute Ergänzung zu Freuds Trieblehre, andererseits wird die Rolle der eigenen Aggression übersehen, was das Übernehmen der Opferrolle enorm erleichtert. Es ist für den Menschen leichter äußere Verursachungen als Erklärungsmodell heranzuziehen.

Außerdem wird aus der Psychoanalyse durch die Narzißmuskonzepte wie z.B. das Kernbergs oder Kohuts eine vielfach entsexualisierte Theorie zwischenmenschlicher Beziehungen, worin ich einen entscheidenden Mangel sehe.

Eine weitere Gefahr die hier lauert ist die, daß das Konzept der Nachträglichkeit in Vergesseneheit zu geraten droht. In der hier behandelten gegenwärtigen Literatur zum Thema Trauma kommen hauptsächlich Traumen die unmittelbar oder auch über längere Zeiträume hinweg entstehen, durch äußere Mängel jedenfalls, zu Wort. Was dabei zu kurz kommt, ist das Konzept der Nachträglichkeit. Die Verdrängung (bei schweren Traumatisierungen Spaltung) und die spätere fälschliche Knüpfung des Empfindens an ein momentanes Ereignis (Mechanismus der Nachträglichkeit), ist Kern der psychoanalytischen Neurosenlehre. Bei den hier dargestellten Objektbeziehungstheorien wird dieses Konzept vereinfacht, vernachlässigt oder ganz weggelassen und auf das zweite Moment, das Momentane Ereignis hin, beschränkt. Durch den Einzug des Realtraumas wurde das Triebtrauma und die Nachträglichkeit so völlig in den Hintergrund gedrängt, daß ich hier von einem Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse sprechen möchte. Kurz gesagt: es geht nicht mehr um Sexualität und Triebphantasien, sondern um: Vernachlässigung, Mißachtung, nicht erkennen von Bedürfnissen usw.

Erkennen des Traumas in der Behandlung

Traumatische Erfahrungen bringen den Verlust der Orientierung mit sich und daraus folgend: das Gefühl der Patientin oder des Patientan aus dem Leben geworfen zu sein, eine partielle Auflösung des Lebensgefühls oder eine vollständige Lähmung des Gefühlslebens, der Patient leidet an innerlicher Leere, Zuständen von Handlungsunfähigkeit, innerer Erstarrung, Gefühllosigkeit, dem Zusammenbruch aller Sicherheiten unter dem Motto „ wenn man nicht sterben will muß man eine Lösung finden die man bis dahin nicht hatte, alles ist weg – Eltern, der liebe Gott“. Dissoziationen, Somatisierungen. Vieles das psychisch nicht repräsentiert ist fällt als Fehlendes auf. Nicht erinnerbare, nur in der Wiederholung erlebbare Situationen (Inszenierungen), Befürchtung vor psychischem Zusammenbruch, immer wiederkehrendes Erleben von emotionalen Überflutungen wo keine Denkmatrix um Gedanken zu bilden zur Verfügung steht, immer wiederkehrende Albträume, und nicht zuletzt wiederkehrende Symptome lassen sich bei traumatisierten Patienten und Patientinnen finden.

Behandlungstechnik

Für mich sind die frühen Objektbeziehungen für die Genese des Traumas wesentlich. In den frühen Objektbeziehungen erhalten die angeborenen Affkete ihre invididuelle Färbung an denen die analytische Behandlung ansetzt. Die inneren Repräsentanzen, deren Grundlage die Affekte sind, erweisen sich meist als grausamer im Vergleich zur Realität, da sich der eigene Haß mit dem des Objekts vermischt. Eines der Ziele der Analyse ist es Innenwelt und Außenwelt auseinanderhalten zu können; die von Freud postulierte Realitätsprüfung. Für traumatisierte PatientInnen bedeutet das, die traumatogenen Affekt der Innenwelt (er)kennen zu lernen, sie in der Außenwelt zu vermeiden um die gefürchtete Retraumatisierung zu verhindern und damit sadomasochistischen Beziehungsmuster zu umgehen. Gelingt das Auseinanderhalten, dann eröffnet sich sogar die Möglichkeit zu erkennen, daß z.B. der eigene Ehemann besser ist, als zuvor gedacht.

Um mit traumatisierten PatientInnen eine Beziehung entstehen zu lassen, müssen zuerst die Affekte angesprochen werden durch die erst eine Beziehung entstehen kann. Zu Beginn der Behandlung die Gefühle anzusprechen, daß der Patient es lustig, langweilig, usw. findet und nicht das Begehren, heißt ein Fundament zu schaffen, auf dem spätere Deutungen angenommen werden können. Dadurch entsteht für die Patienten die Möglichkeit zu wissen, was sie fühlen und welche Gefühle sie mit der Analytikerin, dem Analytiker verbinden. Ein Mangel in Freuds Technik besteht darin, daß er hauptsächlich den Triebimpuls und kaum den Affekt sah. Er deutete häufig und war nicht hinreichend „gute Mutter“, er schuf zu wenig Grundlage zwischen der Patientin, dem Patienten und ihm selbst. Die Folge davon war, daß die PatientInnen seine Deutungen als ein Eindringen empfanden.

Mit Übertragungsdeutungen ist vorsichtig umzugehen, denn traumatisierte Patientinnen fühlen sich sehr leicht, schuldig an der Beziehung. Sehr wichtig sind klare Grenzen und Strukturen, denn die Innenwelt der Patienten und Patientinnen war starken Erschütterungen und Brüchen ausgesetzt. Schon die Aufforderung zur freien Assoziation kann als Grenzüberschreitung aufgefaßt werden. Anfangs sollte man nicht einmal Schuldgefühle reduzieren, da sie den frühen traumatischen Objekten entsprechen und noch keine neuen da sind. Man darf auf keinen Fall Kleidung, sexualisiertes Verhalten ansprechen.

Aus den in dieser Arbeit Beschriebenen Analytikern lassen sich zwei unterschiedliche technische Haltungen herausarbeiten:

1) Kernberg deutet wenig und setzt klare Inzestverbote, bzw. errichtet das Gesetz, wodurch man den Eindruck einer konfrontativen Haltung erhält. Da eines der Hauptziele der analytische Technik lautet innere Beziehungsstrukturen langfristig und anhaltend zu verändern sind klare Grenzen und Verbote eine wichtige Grundlage für längerfristige Analysen.

2) Fonagy konzentriert sich mehr auf das Innerpsychische, er meint man müsse sich in das inzestuöse Geschehen hineinziehen lassen, erfahren wie sich die inneren Bilder und Affektregulierungsstörungen entwickelt haben um zur Fähigkeit der Affektregulierung, die er Mentalisierung nennt, zu kommen.

In der Traumatherapie geht es für mich um die Frage wie man verschiedene Methoden kombiniert. Da selbst bei schwer traumatisierten Menschen deren psychisches Funktionsniveau nahezu psychotischen anmutet, neurotische Strukturelemente zu finden sind und ich annehme, daß bei leichten Traumatisierungen psychotische Kerne zu finden sind, gilt es je nach dem was sich in der analytischen Sitzung an Inhalten zeigt, zu stützen und zu konstruieren (insbesondere da wo man auf die Leerstellen des Traumas trifft, wo der Affekt fehlt) oder zu analysieren und zu deuten.

Die Abwehr hat bei traumatisierten Patienten und Patientinnen insofern eine besondere Bedeutung, als sie vor Retraumatisierung schützt. Im Laufe einer Analyse ist es oft schwierig zu unterscheiden, ob es sich um eine negative therapeutische Reaktion oder um eine notwendige Abwehr zum Schutz vor Retraumatisierung handelt. Mir erscheint es daher von besonderer Wichtigkeit, in Zeiten, in denen die Analyse zu stagnieren scheint, die Möglichkeit einer Traumatisierung mitzudenken. Wird diese Möglichkeit nicht miteinbezogen, kann dies tatsächlich zu Stagnationen im Behandlungsverlauf führen.

Verkürzt gesprochen stelle ich die Hypothese auf: Konstruktion bei schweren Traumatisierungen, Rekonstruktion und Deuten bei leichten Traumatisierungen.

Letztlich möchte ich darauf hinweisen, welch übergroße Wichtigkeit das Gefühl der Trauer in der Arbeit mit traumatisierten Patienten oder Patientinnen einnimmt. Nur durch die Anwesenheit eines guten äußeren Objektes kann der Patient oder die Patientin erstmals den Schmerz und die Trauer über das Erlittene erleben. Nur die Trauerarbeit ermöglicht die Integration von guten inneren Objekten, die Vorraussetzung für fruchtbare Bezieungen sind.




Die nachfolgende Tabelle wird erläutert und dient als Diskussionsgrundlage.



Schwere Traumatisierung

LeichteTraumatisierung

Retraumatisierung

Nachträglichkeit

  • Dissoziation
  • Verdrängung
  • Affekte dringen ins Erleben ein
  • Aufheben der Verdrängung
  • Überflutung

  • Überschwemmung

  • Neurophysiologische Prozesse

 

  • Bedeutungszusammenhang generieren

  • Vorsymbolisch

  • Vorsprachlich

  • Konkretistisch

  • Somatisierungen

 

  • Symbolisierungsfähigkeit

PSYCHOSE

NEUROSE

Konstruieren Rekonstruieren, Deuten

 

Wiener  Arbeitskreis für Psychoanalyse